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Text zum Jahre 1813

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Von Carl Ziesel

 

Als Napoleons große Armee in Russland vernichtet war, hatten die englische Armee und mit ihr die deutsche Legion den Grenzfluss, die Bidassoa, siegreich überschritten und standen in Südfrankreich. Die 3. Husaren der Legion, das später so viel genannte hannoversche Cambridge-Dragoner-Regiment, wurde nach Norddeutschland eingeschifft um hier mit Hilfe neu gebildeter Truppenkörper den Feind wieder zu vertreiben. –

 

So schlug denn endlich die Stunde der Vergeltung und auch der Hausvogt, der Unheil genug angerichtet hatte, entging seinem Geschick nicht. Anfang Okt. 1813 verbreitete sich das Gerücht, daß die Kosaken in Kassel eingerückt seien, und daß König Jerome geflüchtet sei. Es war an einem dunklen Abend; der Hausvogt saß am Schreibtisch, das Dienstmädchen mit einem Kind am Ofen, als plötzlich ein schwerer Stein durchs Fenster flog, dem Hausvogt dicht am Kopf vorbei. Dieser, wohl wissend, was jetzt folgen würde, und mit keinem guten Gewissen behaftet, entwich schleunigst durch die Hintertür in den Garten und gewann so, durch die Finsternis begünstigt, das Freie.

 

Bald darauf betraten wild aussehende Männer, Flüchtlinge aus den Wäldern, unter Führung eines gewissen Pragemann, das Haus und durchsuchten es von oben bis unten, natürlich erfolglos; der Vogel war ausgeflogen. In der Schlafkammer des Hausvogts befand sich ein halber Himpten, fast bis oben hin mit Silberstücken angefüllt vor; indes zur Ehre der Männer muss gesagt werden, daß niemand von ihnen das Sündengeld berührte. Dem Mädchen dann noch mitteilend, daß nur seine und des Kindes Anwesenheit sie zurückgehalten habe, den Hausvogt mit Steinen totzuwerfen, ließen die Männer sich Essen und Trinken geben, füllten ihre Tabaksbeutel und verließen so, eine Wache zurücklassend, wieder das Haus.

 

Am anderen Morgen aber kamen Heinser Schiffer, wohl fünfzig an der Zahl, bewaffnet mit Knüppeln und Stangenbäumen, wie solche zum Steuern der Flöße auf der Weser benutzt werden, die Straße herauf vor des Hausvogts Wohnung. Dem Zuge voran schritt, den Stangenbaum, an welchem ein rotes Tuch als Fahne befestigt war, schwenkend, der Schneider Müller, auch „Spektakel Snider“ genannt. Dieser kühne Held, der 1780 die Belagerung von Valenzienne mitgemacht, gab nun durch einen Schlag ins Fenster und den Schlachtruf:  „So ging es vor Valenschee“ das Signal zum Angriff. Nicht eher wurde Einhalt gemacht, bis alles, Fenster, Türen usw. verwüstet und zerschlagen waren.

 

Unterdessen hatten andere einen Helfershelfer des Hausvogts, den Steuerbeamten Wigand, aufgestöbert und ihm einen Strick um den Hals gebunden. So führte ihn die ganze Schar zum „Alten Zumpen“, wo jetzt nach getaner Arbeit der Tag in entsprechender Weise bei Bier und Schnäpsen gefeiert werden sollte. Antwortete der Gefesselte auf die ihm vorgelegten Frage: „Sepp, bist du nich en westfälischen Spitzbub“ mit „Nein“, so hieß es „Watt, du wutt noch leigen? Teuf, dann most du Släge hebben“, und er bekam auch welche aufgezählt! Bejahte er dagegen die wiederholte Frage: „Bist du nich en westfälischen Spitzbube?“ so lautete es:  „Ja, dann kriegst du Släge.“  Dieses Spiel wurde solange fortgesetzt, bis endlich ruhige Bürger den schon arg Mitgenommenen aus seiner sich immer drohender gestaltenden Lage und aus den Händen der erhitzten Leute befreiten.

 

Der Hausvogt aber hielt sich lange Zeit im Lippeschen verborgen, und erst später, als der Drost von Alten namens der hannoverschen Regierung des Verwaltung des Amtes wieder übernommen hatte, und er für seine persönliche Sicherheit nichts mehr zu fürchten hatte, erfolgte seine Rückkehr nach Polle. Zurückgezogen lebend ließ er seine Söhne studieren. Diese traten aber später aus naheliegenden Gründen nicht in hannoversche, sondern in preussische Dienste. Otto, in späteren Jahren von einer unheimlichen Krankheit befallen, nahm ein schreckliches Ende.

 

Trotz der sorgsamsten Pflege, trotz der größten Sauberkeit, die um ihn und in seinem Hause herrschte, wurde der Mann so entsetzlich von Ungeziefer geplagt, daß er sich nicht zu retten wußte und jedermann ihn, den sonst so gefürchteten, wie die Pest mied. Im Jahre 1834 erlöste der Tod ihn von dieser furchtbaren und ekelhaften Krankheit. Auf seinem Grabstein las man die Worte: „Hier ruhet Staub im Staube, Saat von Gott gesäet, der Hausvogt Joh. Heinr. Otto, geb . . . . gest . . . . usw. Und auf der anderen Seite:  “O Wonne, treu vor Gott gelebt zu haben, die Bahn geschmückt mit guten Taten, die dir folgen, o Mensch, in das ernste Gericht.“

 

Der Schlachtruf des wütenden „Spektakel Sniders“ erhielt sich lange. Noch einige vierzig Jahre später, zur Zeit des Krimkrieges, wenn wir Jungen uns auf dem Poller Kirchhof balgten, und die „Russen“ aus der verschanzten Turmecke warfen, lautete unser Feldgeschrei:  „So ging dat vor Valenschee!“ Mein seliger Vater aber, wenn er auf die westfälischen Zeiten und ihre Leute zu sprechen kam, wobei ich ihn wohl auf die Grabinschrift aufmerksam machte sagte: „Ne, Junge, das war keine Saat von Gott, die war vom Teufel gesät!“

 
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