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Von der Papiermühle zur Mühlenschenke

Von der Papiermühle zur Mühlenschenke

Von den vier Mühlen, die der Flecken Polle einst besaß, ist die ehemalige Papiermühle, die oberhalb der Burgruine unmittelbar an der Weser liegt, wohl die älteste. Die Tatsache, dass ihre starken Grundmauern aus der gleichen, heute nicht mehr üblichen Mörtelmasse zusammengefügt sind wie das dicke Gemäuer der Burg, berechtigt zu der Annahme, dass Mühle und Burg aus dem Ende des 13. Jahrhunderts stammen. Für die Behauptung, die Mühle sei eine Gründung der Eversteiner Grafen, fehlt  allerdings der urkundliche Beweis.

Der am Fuße des Burgberges Ortseinwerts gelegenen Amtsmühle hatte die alte Papiermühle voraus, dass sie jahraus, jahrein genügend Wasser hatte. Der herrschaftlichen Amtsmühle musste man die zum Mahlen erforderliche Wassermenge durch einen künstlich angelegten Bach zuleiten. Trotzdem litt sie an dürren Sommern unter Wassermangel, so dass sie zuweilen nur durch einen kräftigen Gewitterregen wieder in Betrieb gesetzt werden konnte. „Ja, wenn’n Gewitter keume!“ sä dä aule Mertens. Mit diesen „geflügelten“ Worten kennzeichnete man früher in Polle eine fast aussichtslose Angelegenheit.

 

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Diee ehemalige Papiermühle

Die Papiermühle wurde von einer sehr starken Quelle gespeist, die auch heute noch in der Minute etwa 7000 Liter Wasser liefert. Das Wasser hat zudem eine im Sommer und Winter gleich bleibende Temperatur von 6 – 8 Grad, so dass der Quellteich, der auch zugleich Mühlenteich ist, nie zufriert. Dieser unversiegbare Born bot also die beste und sicherste Voraussetzung für eine Mühlenanlage.

Anfangs mag die Mühle nur zum Kornmahlen benutzt worden sein. Die Karte des Weserlaufes von Höxter bis Polle aus dem Jahre 1587 verzeichnet nur schlicht das Mühlengebäude, den Teich und das Mühlrad und lässt dabei die Frage, ob Korn- oder Papiermühle, offen. Erst der um 1650 entstandene Meriansche Kupferstich gibt unter C eindeutig eine Papiermühle an. Danach muss sich zwischen 1600 und 1650 die Umwandlung von der Mahlmühle in eine Papiermühle vollzogen haben.

 

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Bild links: Das große, 1939 zusammengebrochene, Mühlrad. Nachträglich [1940]  nach drei Lichtbildern gezeichnet.

 

Die älteste Erwähnung eines Papiermachers bringt das Poller Erbregister von 1687, in dem es heißt: „Brinksitzer Hinrich Hermen Palbierer, anitzo (jetzt) Papiermacher Franz Otto Illa“. Nach der Kopfsteuerbeschreibung von 1689 ist dieser 40 Jahre alt. Die Nachrichten über die Mühle und ihre Müller sind bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts dürftig und lückenhaft. 1748 erwog die Regierung die Einrichtung einer Messinghütte im Amte Polle und hatte dafür zunächst die Papiermühle vorgesehen. Die Verhandlungen zerschlugen sich, und die geplante Messinghütte wurde in Reher bei Ärzen angelegt. Etwa um die gleiche Zeit erwähnen die Poller Kirchenbücher einen Papiermüller Johann Fässler, der aus Dürnau bei Göppingen stammte. Er verheiratete sich 1761 mit Sophie Rörentrop aus Polle, der dritten Tochter des „Meisters Rörentrop“. Er starb am 21.2.1793 in Polle im Alter von 57 Jahren. Eine Tochter verehelichte sich 1787, ein Sohn (geb. 1769 gest. 1840), der später Papiermacher in Springe war, heiratete 1811. Das Niedersächsische Staatsarchiv bewahrt einen Pachtvertrag des Papiermachers Anton Joseph Steneberg zu Polle auf, der das Siegel Georgs III. von England trägt und am 28.4.1767 in St. James ausgefertigt wurde. Steneberg hatte die Pachtung der Papiermühle nach Erbzinsrecht beantragt, die ihm auch gewährt wurde. Der Großkötner Hermann Beermann stellte für ihn die erforderliche Kaution. Der Pachtpreis, der bisher 60 Taler betragen hatte, wurde auf 50 Taler herabgesetzt, und war Michaels und Ostern je zur Hälfte zu entrichten. Die Zahlung hatte „nach dem Reuchs-Müntz-Fuß ausgeprägten 2/3 Stücken Goldgulden oder anderer bei Unserer Cammer annehmlichen Goldmünzen“, zu erfolgen. Steneberg verpflichtete sich, „jedes Mal tüchtiges und ohntadelhaftes Papier zu verfertigen“, die Gebäude nicht verfallen zu lassen und mit der Pachtzahlung nicht länger als zwei Monate im Rückstande zu bleiben. Die Höhe der Reparaturkosten wurde 1767 mit rund 600 Talern veranschlagt. Der Wert der Mühle wurde durch den beeidigten Zimmermann Johann Henrich Brockmann und den Maurermeister Johann Henrich Jacob dagegen nur auf rund 320 Taler taxiert. Für die Jahre 1736 bis 1766 stellte der Amtmann eine Berechnung des durchschnittlichen Jahreseinkommens auf. Die Einnahmen beliefen sich auf 1491, die Ausgaben auf 545 Taler. Teilte man den Gewinn von 946 Talern durch 30, so ergab sich ein Durchschnitt von rund 31 Talern pro Jahr. Den von der Regierung angebotenen Kauf der Mühle lehnte Steneberg mit der Begründung ab, dass die Zinslast (5 Prozent von 900 Talern = 45 Taler) höher als sein Einkommen sei, obwohl man ihm Eichen- und Buchenholz für dir Reparatur gegen einen geringen Forstzins zur Verfügung stellen wollte. Auf Anton Joseph Steneberg folgte sein Sohn Johann Friedrich Nikolaus Steneberg, der gegen 1816 in Konkurs geriet. Die Qualität des Papiers hatte sich wesentlich verschlechtert. Hatte der alte Steneberg „vorzügliches Concept-Papier“ hergestellt, lieferte der junge nur „Druck- und Löschpapier. Bereits 1808 hatte der Sohn eine Anleihe von 1000 Talern beantragt. Sein Onkel, der Bürgermeister Steneberg zu Lage in Lippe erklärte sich bereit, das Geld zu leihen, stellte aber die Bedingung, dass ihm das Recht auf Erbenzins zugesprochen würde. Trotz der Finanzhilfe kam die Mühle 1816 unter den Hammer. Der Papierfabrikant Steinmeyer aus Altendorf taxierte den Wert der vorhandenen Werkzeuge auf 308 Taler und Papierfabrikant Huchthausen aus Hehlen das Münchhausengebäude nebst „Pertinenzien“ (Zubehör) auf 1000 Taler. Zum ersten Termin am 8. April 1816 erschienen der Papiermeister Plöger aus Schieder, der Gastwirt Zumpe, der Tischler Sturck (beide aus Polle) und der schon erwähnte Taxator Huchthausen. Dieser erhielt mit 1005 Talern den vorläufigen Zuschlag. Zum zweiten Termin am 8. Mai fand sich außer Plöger ein neuer Interessent ein, der Papierfabrikant August Fleischhauer aus „Veckenstedt, Gräfl. Stolbergschen Amts Wernigerode“, dem diesmal mit 1010 Talern der Zuschlag erteilt wurde. Auf dem dritten und letzten Termin trieben sich Plöger und Fleischhauer den Kaufpreis gegenseitig in die Höhe. Plöger begann mit 1050 Talern. Bis 1070 Talern hielt Zumpe mit, bis 1435 der Papiergeselle Wolf, bis 1450 der Papierfabrikant Böters aus Biederlake und bis 1535 der Registerschreiber Sürßen. Plöger bot schließlich 2120 Taler, und Fleischhauer überbot ihn mit 2121 Talern, wodurch er den endgültigen Zuschlag erhielt. Er hinterlegte sofort 150 Taler in Gold. Obendrein hatte er einen Erbzins von jährlich „50 Talern in Pistolen, das Stück zu 42/3 Rthlr. zu entrichten und für dringende Reparaturen 200 Taler auszugeben. Es war kein Wunder, dass der neue Besitzer bei diesen relativ zu hohen Summen alsbald in Zahlungsschwierigkeiten geriet. Sein Schwiegervater, der Papierfabrikant Johann Christian Siegmund Grove aus Veckenstedt, übernahm am 15.7.1816 mit seiner Papiermühle und 27 Morgen Landbesitz eine Bürgschaft vor dem Amte Wernigerode. Eine leider nicht mehr vorhandene Akte des Staatsarchivs – es ist lediglich ihr Inhalt angegeben – aus den Jahren 1820 – 22 spricht im Zusammenhang mit der Regulierung des Amtshaushalts von den „dem Fährpächter und Erbenzinsmüller zu Polle gegebenen Nutzungen“. Daraus wäre zu schließen, dass die Fähre, die früher in unmittelbarer Nähe der Papiermühle lag, von dem Pächter oder Besitzer der Mühle mit bedient wurde.

 

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Die ehemalige Papiermühle und das ehemalige Fährhaus.

Im Jahre 1828 ging die Papiermühle für 5800 Reichstaler in den Besitz des Herrn Gustav von Gülich aus Osnabrück über, den späteren Eigentümer der Papierfabrik Wertheim bei Hameln. Er beabsichtigte, Einrichtungen der Poller Mühle dort einzubauen und erhielt dazu auch von Seiten der Regierung die Erlaubnis. Als er aber den auf der Poller Mühle ruhenden Grundzins trotzdem weiterzahlen sollte, veräußerte er den Poller Besitz.

In der Folge befindet sich die Mühle in den Händen des früheren Interessenten Anton Plöger. Von ihm wird berichtet, dass er sie bis 1878 zweimal umgebaut habe, auch habe er einen Dreschbetrieb angeschlossen. Das Poller Kirchenbuch teilt über den Tod seiner Ehefrau mit: „Dorette Henriette Plöger, Ehefrau des Papierfabrikanten Anton Plöger zur Papiermühle vor Polle, gebürtig aus Braunschweig. Alter 64 Jahre begraben 5.1.1860

1878 übernahm der Müller Eduard Jacob aus Heinsen die Mühle und nutzte sie als Mahl- und Sägemühle. Am 18.2.1884 geriet er auf unglückliche Weise in das Mühlengetriebe und wurde von ihm zermalmt. (Auf den Tag genau, 18.2.1914, kam sein Bruder, der Müller in Forst war, durch seine Kreissäge ebenfalls auf tragische Art zu Tode).Kurze Zeit verrichtete Karl Hartmann aus Polle die Mahl- und Sägearbeit. Dann erwarb 1884 der Müller Otto Görsch, geb. 1856 in Bräsen/Anhalt, das gesamte Mühlenanwesen. Er war nach dreijähriger Lehre in der Otteschen Mühle in Alfeld tätig gewesen und hatte sich an diesem Wirkungsorte auch verheiratet. Der Kaufvertrag wurde am 20. März 1884 ausgestellt, und am 1. April 1884 siedelte Görsch mit seiner Familie nach Polle über. Im Jahre 1899 erhielt er eine Schankkonzession, die wenige Jahre später zur Vollkonzession erweitert wurde. Die „Mühlenschänke“ in nächster Nähe der Dampferanlegestelle und ihr freundlicher Wirt erfreuten sich bald großer Beliebtheit bei einheimischen und fremden Gästen. Bis zum Jahre 1926 betrieb Otto Görsch Mühle und Gastwirtschaft. Dann legte er die Mühle still, weil in dem harten Konkurrenzkampf der Großmühlen nicht mehr bestehen konnte. Am Tage nach Pfingsten des Jahres 1939 zerbrach plötzlich das morschgewordene Mühlenrad und stürzte mit Donnergetöse in den Radkolk. 1936 wurde die Landstraße Polle – Heinsen wegen einer notwendigen Begradigung und Verbreiterung durch den durch den Mühlenteich gelegt. Das Quellwasser musste von an unter der Straße hindurch in den Restteich fließen, der gegenwärtig der Forellenzucht dient. 1942 starb der Müller und Gastwirt Otto Görsch im gesegneten Alter von fast 86 Jahren. Zwei Jahre zuvor hatte er sein Anwesen seiner Tochter, Frau Frieda Freiberg, und seinem Schwiegersohn, dem pensionierten Steuerbeamten Franz Freiberg, übergeben. Sie eröffneten in den umgebauten Räumen der Mühle eine Pension für Sommergäste, bis sie am 1.1.1961 aus Altersgründen schlossen. Die „Mühlenschänke“, deren Konzession zurzeit ruht, konnte 1949 ihr 50jähriges Jubiläum feiern.

Das idyllische Mühlengebäude sieht heute wie einst in behaglicher Ruhe und Beschaulichkeit auf die vorübereilenden Wellen der Weser und die Hast der Menschen. Anmerkung: Frau Frieda Freiberg, geb. Görsch, danke ich an dieser Stelle herzlich für ihre freundliche Auskunft über die Vergangenheit der Mühle, an der sie sehr interessiert ist).

Autor: Friedrich Wittkopp

 
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