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Die Weißenfelder Mühle

Die Weißenfelder Mühle
und ihre Besitzer

Wer von der Kuppe des Köterberges ins Wesertal hinuntersteigt und nach Polle wandert, kommt kurz vor dem Hebenberge an den Gebäuden der Weißenfelder Mühle vorüber. Wohl sind in ihrem Innern noch die alten Schrot- und Mahlgänge vorhanden, aber der oberhalb der Zufahrtsstraße gelegene Mühlenteich ist längst ausgetrocknet; der Bach plätschert nicht mehr, und das große Mühlenrad ist verschwunden. Von der Romantik, die diese einsame Mühle im entlegenen Waldtal einst umgab, ist kaum noch ein Hauch geblieben.

 

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Die Weißenfelder Mühle bei Polle erlebte eine wechselvolle Geschichte

Schnath führt in seinem für die Geschichte der engeren Heimat grundlegenden Buch „Die Herrschaften Everstein, Homburg und Spiegelberg“ Weißenfeld unter den ausgegangenen Ortschaften, den sogenannten „Wüstungen“, auf und berichtet, dass die Siedlung 1611 nicht mehr vorhanden gewesen sei. Es ist fraglich, ob das Dorf, über dessen Größe wir nichts mehr wissen, auch damals schon eine Mühle hatte. Der Poller Amtmann Casper de Wrede erhielt um 1567 von Herzog Erich dem Jüngeren die Erlaubnis zu einer Waldrodung „im wessen Felde bei Hummersen“ in einem Umfang von zwei Huf (= 60 Morgen). Durch Heirat gelangte dieser „Zuschlag“, allerdings erst in einer Größe von 48 Morgen, in den Besitz des  Wredeschen Schwiegersohns, des Ritters Melchior von Dreyplatz, der jedoch früh verstarb und mehrere unmündige Kinder hinterließ. An einer Stelle der Staatsarchivakten bezeichnen die Poller von Dreyplatz als „unseren lieben Pastor und Mitbürger“. Es ist jedoch ungewiss, ob er in Polle als Geistlicher tätig war. (Philipp Meyer: „Die Pastoren der Landeskirche Hannovers und Schaumburg-Lippes seit der Reformation“, 2. Band, führt ihn nicht auf).

Die Söhne des von Dreyplatz gerieten alsbald in Konkurs. Nun erwarb der Amtmann Johann Wrede – er war nicht adelig -, der mit der jüngsten Tochter Casper de Wredes, Sabine, verheiratet war, die Güter seines verstorbenen Schwagers. Der Besitz war ein sogenannter „sattelfreier Hof“, der im Kriege „mit einem Pferde den gewöhnlichen Rossdienst“ zu leisten hatte. Zu seinen Rechten gehörte unter anderem „die Fischerei auf der Lunabache von seiner Wische ober Hummersen biss zu seiner anderen Wische, der Mühlenkamp genannt“. An einer anderen Stelle ist auch vom „Mühlenbusch“ die Rede.

1622 beklagten sich die Poller und Heinser Bauern über zu große Nutzung der Waldungen durch den Amtmann Wrede. In diesem Schreiben heißt es unter anderem: „An dem großen Zuschlage, den der Amtmann hat, will er eine Mühle bauen. Der Grund ist bereits ausgehoben. Von den nahe dabei liegenden 60 Morgen, die den Kindern des von Dreyplatz gehören, soll ein Vorwerk errichtet werden“. Über den Ankauf des Gutes ließ sich Johann Wrede durch Herzog Friedrich Ulrich am 16.7.1622 eine Erbverschreibung ausstellen.

Schon ein Jahr darauf gingen über Polle die wilden Wogen des Krieges hinweg. Die Burg wurde von den Kaiserlichen erobert, und die Dörfer des Amtes wurden gebrandschatzt. Am 4. Februar 1627 richtete Johann Wrede, der inzwischen Amtmann in Gronde geworden war, an den Herzog Georg Friedrich Ulrich die inständige Bitte um Bestätigung der alten Rechte, die er in Polle besaß. Er klagt in dem Schreiben, dass er bei dem kriegerischen Überfall seine alte Erbverschreibung verloren habe. Seine Ehefrau, die einige Tage vor der Eroberung der Burg von einem Kinde genesen sei und noch im Wochenbett gelegen habe, wäre „ohne einige christliche Mitleidenschaft ganz erbärmlicher Weise bloß und elend davongeführt“. Es steht allerdings nicht fest, ob der Herzog dem Gesuch entsprach. Nach dem Tode des Amtmannes – er starb vermutlich zwischen 1635 und 1638 -, bemühte sich seine Witwe, um die „Confirmation und Begnadigung“ der ererbten Güter. In mehreren Schreiben der Jahre 1638 und 1639 wiederholte sie die Bitte. Die Briefe, die in Hildesheim ausgestellt wurden, tragen die Unterschrift „Sabine de Wrede, Johann Wreden sel., Amtmann unseres Hauses Grohnde, hinterlassene Witwe“. Aus der kurzen Bemerkung „und weil ich nunmehr zur anderen Ehe geschritten“ ist zu entnehmen, dass sie sich 1639 wiederverheiratete.

Um 1660 gelangten die Ländereien im Weißen Felde und mit ihr auch die Mühle auf  dem Erbwege in den Besitz ihrer Tochter Ilsa Maria, eben jener Tochter, die in den stürmischen Kriegstagen des Jahres 1623 geboren wurde. Über sie berichtet eine Eintragung im Poller Kirchenbuch gelegentlich ihres Ablebens. Sie lautet: „Die alte Frau Landmännin Ilsa Maria Geysin, geb. Wredin am 2. März 1718 still beygesetzt, war alt 95 Jahr“. Diese schlichten Worte sagen wenig aus über den langen Erdenweg dieser Frau, und doch umfasst das knappe Jahrhundert ihres Lebens ein wechselvolles Schicksal. Viermal war Ilsa Maria Wrede verheiratet. (Weitere Ehen sind jedenfalls nicht bekannt). Sie war 35 Jahre alt, als sie 1658 den „Brandenburgischen Capitän“ Michael Pauli ehelichte. Eine Akte des Staatsarchiv von 1660 trägt die Anschrift: „Hauptmann Gabriel Pauli contra die Dorfschaften Polle und Heinsen betr. Den Zuschlag eines Ortes von 20 Morgen für dem weißen Felde an der Paderbornschen Grenze“. Da es sich um den Wredeschen Besitz handelt, ist es möglich, dass die „beiden“ Paulis miteinander identisch sind.

Dauerte die erste Ehe nur vier Jahre – Pauli starb 1662 – so währte die zweite Ehe mit dem Witwer Gert Finke nur ein Jahr (1664 bis 1665). Bereits im folgenden Jahre 1666 verheiratete sich Ilsa Maria, geb. Wrede, mit dem Rittmeister Bruno Vendt. 1671 wurde die alte Erbverschreibung vom 16. Juli 1622 durch Herzog Johann Friedrich erneuert mit den Worten: „.....unserem Rittmeister undt lieben getreuen Bruno Vendt ein zum Polle belegenes und durch Heyrath nunmehr auf ihn – Vendten – transferiertes sattelfrey Guth“.

Nach dem Tode des Rittmeisters im Jahre 1682 ging die 60jährige Witwe 1683 ihre vierte Ehe mit dem „Braunschweigischen Landeshauptmann des Hamelschen Quarttiers Wilm Christian Geysen“ ein. Mehrere Schreiben bezeugen, dass er sich um die Erhaltung der Hofgebäude und der Mühle, für die er forstzinsfreies Holz beanspruchen konnte, mit Erfolg bemühte. Als er 1707 im Alter von 71 Jahren starb, fand sich zu der nunmehr 84ährigen kein neuer Freier.

Besitzer des Gutes, „Wovan die Mühle ein Pertinenz-Stück mit ist“, war um 1720 der Capitain-Leutnant Abig. Ihm folgte Oberhauptmann Wilhelm Hartwig von Campen, der am 21. Februar 1724 unter anderem schreibt: „.....für einiger Zeit gekauft und baar bezahlt, mithin an mich gehandelt“. Er benötigt dringend Bauholz für die Reparatur der Scheunen, Stallungen und Mühle, die „bald in einen Haufen übereinander fallen“. Wären nicht die unaufhörlichen Klagen über den mangelhaften Zustand der Gebäude gewesen, wüssten wir kaum etwas über die Besitzer der Weißenfelder Mühle!

Von Wilhelm Hartwig von Campen erwarb um 1735 die Witwe von Kotzebue den alten sattelfreien Hof. Ob sie die nachgelassenen Witwe des um 1700 in Polle amtierenden Drosten von Kotzebue war oder aber dessen früh verwitwete Schwiegertochter, ist nicht einwandfrei zu beantworten. Ein Schreiben der „verwitweten Consistorialrätin Kotzebuen“ ist mit dem Namen „Anna Loyse Kotzebue, geb. Toppen“ unterzeichnet. Gelegentlich der Bewilligung einer neuen 24 Fuß langen und 24 Zoll im „Diametro“ (Durchmesser) messenden Mühlenwelle für den „Kotzebueschen Müller“ unterschreibt 1753 „L Grantzin, Amtsrath und Pflegevater der Kotzebueschen Kinder“.

 

Unter Hinweis auf den Beschluss des Landtags zu Gandersheim, wonach es verboten war, neue Mühlen anzulegen, wurde 1763 dem Inhaber des zweiten Poller Gutes, von Behling, untersagt, im Weißen Felde noch eine Mühle zu errichten. Zu diesem Zeitpunkt war die Kotzebuesche Mühle bereits in den Besitz der Familie von Heimbruch übergegangen, deren Name den eingesessenen Pollern noch geläufig ist. Heute sind die Mühle und der dazugehörige landwirtschaftliche Betrieb ein Bestandteil des Gutes „Sonnenberg“. Sicherlich haben die hier genannten Besitzer die Mühle nicht selbst betrieben. Sie ließen die Arbeit durch Mühlknechte verrichten oder verpachteten das gesamte Vorwerk an zuverlässige Müller. Leider sind uns nur wenige Pächter namentlich bekannt. Um 1800 war der aus der Heinser Mühle stammende Hermann Dietrich Müller dort tätig. Er verlor am 10. August 1800 seinen hoffnungsvollen Sohn Hermann Friedrich Christian im Alter von 27 Jahre.

Drei Generationen hindurch bewirtschaftete die Familie Pieper Hof und Mühle. Mit rund 60 Morgen Acker- und Wiesenland blieb die landwirtschaftliche Nutzfläche seit 1600 konstant. Die Pachtsumme betrug vor dem ersten Weltkriege jährlich 800 Mark. Auf Hartwig Pieper (geb. 1810, gest. 1865), der ein Sohn des Ziegelmeisters Justus Pieper war, folgte Wilhelm Pieper (geb. 1847, gest. 1910). Auch der in der Weißenfelder Mühle1888 geborene Sohn Wilhelm Pieper führte den väterlichen Betrieb noch fünfzehn Jahre (1910 bis 1925) weiter, ehe er nach Holzminden verzog, wo er 1931 nach einem Arbeitsunfall starb.

Der aus Wörderfeld stammende Landwirt Möhring bediente und lieferte in althergebrachter Weise die Mühlenkunden in Polle, Hummersen und auf dem Wilmeröder Berge, indem er in regelmäßigen Turnus das Korn mit dem Mühlenwagen abholte und Mehl und Schrot bei der nächsten Fahrt wieder ablieferte. Schon wenige Jahre später übernahm der Besitzer des Gutes Sonnenberg die Mühle selbst. Die Kundenmüllerei wurde eingestellt und fortan nur noch für die eigene Viehwirtschaft geschrotet. Jetzt liegt die Mühle, wie schon eingangs erwähnt wurde, völlig still, und nichts deutet mehr hin auf ihre wechselvolle Geschichte.

(Bemerkung: Für die Angaben, die die Familie Pieper betreffen, danke ich Frau Emmi Görsch, geb. Pieper, die 1893 in der Weißenfelder Mühle geboren wurde und dort aufwuchs. Sie heiratete den einzigen Sohn des Mühlenbesitzers Görsch aus der ehemaligen Poller Papiermühle, Otto Görsch. Beide Eheleute, die also alten Müllergeschlechtern entstammen, wohnen in Hannover. Die Witwe des 1931 verstorbenen Müllers Wilhelm Pieper lebt zur Zeit noch in Holzminden).

Autor: Friedrich Wittkopp

 
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