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Die Bergmühle erzeugte den ersten Strom

Die Burgmühle erzeugte den ersten Strom

 

 

Aus den Anfängen der Elektrifizierung des Flecken Polle / Schon 1898 mit Licht versorgt. Die Burgmühle, unterhalb der ehemaligen Amtsgebäude in Polle gelegen, bestand bis zum Februar 1928. Ein Brand äscherte dieses Gebäude ein, in dem sich die Anfänge der Elektrifizierung für den Flecken abspielten. Ein weiterer günstiger Faktor war eine Stiftung, die es ermöglichte, das elektrische Ortsnetz auszubauen. Ein Aktenordner, der vor einiger Zeit in der Gemeindeverwaltung aufgefunden wurde, lieferte das Material für diesen Artikel.

 

Wo lag die Mühle?

 

Eine kurze Lagebeschreibung soll uns an die Stelle führen. Wo dieses Gebäude im Flecken gestanden hat. Unterhalb der durch einen Brand im Kriegsjahr 1945 zerstörten Amtsgebäude erinnert heute nur noch der Name Mühlenweg daran, dass hier der Standort der Mühle zu suchen ist. Die Wasserzuführung, die bis in die Mitte der sechziger Jahre bestanden hat, kann als oberschlächtig, also mit Oberwasser betrieben, bezeichnet werden. Der Wasserstand war vom Glasebach und einer weiteren Einspeisung, dem Spiekersiekbach, in Höhe des Taubenbrunnen gelegen, abhängig. Teiche zum Stauen von größeren Wassermengen, die einen gleichmäßigen Lauf einer Turbine für einen Arbeitstag garantiert hätten, waren nicht vorhanden, wie sie zum Beispiel die Knickmühle oder die Hünnicher Mühle bei Meiborssen besitzen. Damit tritt auch der Nachteil klar hervor, den die Mühle gegenüber den obengenannten aufweist.

 

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Abbildung links: Erinnerung an die Frühzeit der Elektrifizierung in Polle: Einer der letzten Gittermaste steht heute noch an der Brinkstraße in Polle und versieht seinen Dienst wie vor 60 Jahren.

 

Der Bericht über die Burgmühle soll an der Stelle anknüpfen, an der Friedrich Wittkopp mit seinen Nachforschungen im Hauptstaatsarchiv in Hannover abschließen musste. Müller Märtens übernahm am 1. Mai 1848 die herrschaftliche Mühle in Pacht. 1858 kam es zum Verkauf der Poller Amtsmühle. Bei einer Versteigerung des Mühlengebäudes erzielte diese einen Preis von 8 275 Thalern und ging somit in den Besitz von Heinrich Märtens über. Schon vor 1864 muss es zu einem Neubau gekommen sein, eine kurze Notiz im Hannoverschen Archiv lässt darauf schließen. 

 

In Australien gearbeitet

 

Christel Ohrmann, der drei Jahre in Australien als Mühlenbauer gearbeitet hat, wird als folgender Besitzer 1891 genannt. Eine zeitgenössische Aufnahme, die Christel Ohrmann bei einem Fotografen in Sydney, George Street 412, anfertigen ließ, zeigt den vermutlichen Wirkungsort.

Mit dem Einbau eines Dynamos in das Mühlenwerk, der hier als Pioniertat angesehen werden muss, legte Christel Ohrmann 1894 den Grundstein für den Ausbau des Stromnetzes im Ort Polle und erzeugte so mittels Wasserkraft als erster im Ort und in der Umgebung von Polle elektrischen Strom. Schon ein paar Jahre später meldet ein Zeitungsartikel vom November 1898, dass nun der hiesige Flecken mit elektrischem Licht versorgt werde. Die zur Erzeugung des Lichtes benötigte Dynamomaschine wurde von einer Wasserturbine getrieben, die gleichzeitig auch einem Mühlenwerk die Kraft gab. Dass sich Störungen im Mühlenbetrieb und somit auch in der Stromversorgung einstellten, ist bei Trockenheit oder bei Schwankungen in der Wasserzuführung verständlich. Es fand seinen Niederschlag darin, dass der Müller bei mangelnder Wasserkraft diese vorzugsweise für den Mühlenbetrieb brauchte. Bei den Stromabnehmern machte sich dies in einem Flackern der Beleuchtung bemerkbar. Um dieses Ärgernis zu beseitigen, wurden schließlich Akkumulatorenbatterien angeschafft, die eine konstante Stromabgabe garantierten.

 

Eine hochherzige Stiftung

 

Der 6. Dezember 1900 ist für den weiteren Ausbau des elektrischen Ortsnetzes von Bedeutung. In einer Abschrift können wir heute noch lesen, was sich damals im königlichen Amt zu Polle ereignete. Fräulein Justin Krafft, die der Sekretär und der Amtsgerichtsrat im Vollbesitz ihrer Verstandskräfte in ihrer Wohnung vorfanden, bat folgendes zu Protokoll zu nehmen: sie wolle eine Stiftung errichten und diese mit einem Kapital von 15000 Mark ausstatten. Die Stiftung solle den Namen „Geschwister-Krafft-Stiftung“ tragen. Das Kapital soll mündelsicher und zinslich belegt werden, und nur die Zinsen sollen verwandt werden, um die Unterhaltungskosten der Straßenbeleuchtung zu bestreiten. Der Rest der Zinsen soll gemeinnützigen und wohltätigen Zwecken zugeführt werden. Armenstiftung! Müller Christel Ohrmann verstarb 1901. Seine Witwe, jetzt im Besitz der Mühle, schloss am 1. November 1901 einen Vertrag zur Beleuchtung der Straßen von Polle mit der Gemeinde ab. Sie verpflichtete sich, zwecks Lieferung von elektrischem Glühlicht die erforderliche Kraft zu liefern. Die Gemeinde Polle verpflichtete sich seinerseits, einen Preis von vier Pfennig pro Watt zu zahlen, der aber einen Gesamtbetrag von jährlich 500 Mark nicht überschreiten sollte. Ein- sowie Ausschaltzeiten behielt sich die Gemeinde vor. Ein erster Hinweis auf die Arbeit eines Motors zur Stromerzeugung geht aus einem Schreiben hervor, das der neue Mühlenbesitzer Karl Mittendorf an die Direktion der Vereinigten Landwirtschaftlichen Brandkasse am 21. Januar 1912 richtete.

 

Die Beleuchtung ausgefallen

 

In der zweiten Hälfte des Jahres 1919 traten Störungen im Betrieb des Elektrizitätswerkes des Mühlenbesitzers Karl Mittendorf auf: die Molkerei, in der der Motor betrieben wurde, hatte Schwierigkeiten, und selbst die abendlichen Beleuchtung war ausgefallen. Der Landrat in Hameln griff ein und forderte Mittendorf auf, die Stromabgabe wieder aufzunehmen, da die Milchversorgung und die öffentliche Sicherheit gefährdet seien, ansonsten würde er eine Geldbuße von 3000 Mark zu zahlen haben. Mittendorf trat das Mühlengebäude kurze Zeit später an die Fleckengemeinde Polle für 40 000 Mark ab, das Inventar wurde zusätzlich mit 10 000 Mark verrechnet. Am 13. November 1919 trat der Verwaltungsvorstand der Geschwister-Krafft-Stiftung, bestehend aus dem Bürgermeister Steinmeyer, August Rode, Holzhändler Ernst Zaag, Kaufmann Bernhard Dülm sowie Carl Wilke, zusammen. Das Vermögen, das in vierprozentiger Landeskreditobligation angelegt war, erbrachte an Zinsen 10 800 Mark. Für die Straßenbeleuchtung und Instandhaltung sind 7 706,62 Mark verausgabt worden, der Rest soll nun zum Ausbau der Straßenbeleuchtung und des Elektrizitätswerkes verwandt werden.

 

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GAbbildung links: Gedenktafel an die Krafft-Stiftung vor dem erhaltenGebliebenen Teil des ehemaligen Amtshauses in Polle

 

Gemeinde erwarb die Mühle

 

Die Gemeinde, nun im Besitz der Mühle und des Elektrizitätswerkes, war um die Instandsetzung und die Wiederaufnahme der Stromerzeugung bemüht. Sie orderte zugleich fünf Fass natürliches Naphthalin zum Nettogewicht von 732 kg im Wert von 526,68 Mark inklusive Ladegebühr und Rollgeld bis Bahnstation Holzminden. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass es sich dabei um den Brennstoff für einen Naphthalinmotor handelte, der im Jahre 1913 von den Deutzer Gasmotorenfabriken geliefert worden war. Der Naphthalinmotor wurde mit zwei verschiedenen Kraftstoffen beschickt, um die Betriebstemperatur zu erreichen. Um das Naphthalin in einem Gefäß auf dem Motor zu schmelzen, wurde er mit Benzol angefahren. Hatte der Motor seine Betriebstemperatur erreicht und war das Naphthalin bei ca. 80 Grad C geschmolzen, so wurde der Motor nun mit Naphthalin weitergefahren.

 

135 Haushalte angeschlossen

 

Ein Blick auf die tabellierte Lichtgeldabrechnung zeigt, dass im ersten Quartal 1920 im Flecken Polle 135 Haushalte außer der Straßenbeleuchtung und der Molkerei mit Strom aus dem Elektrizitätswerk versorgt wurden. Während der Hauptbeleuchtungszeit wurden bei 110 Volt Gleichstrom etwa 60 bis 70 Ampere aus dem Elektrizitätswerk der Mühle abgegeben. Davon kamen 25 bis 30 Ampere aus den Batterien, und der Rest mit 28 bis 35 Ampere wurde von dem Naphthalinmotor erzeugt. Das heißt, dass rund 320 Stück 25kerziger Lampen brennen konnten. Bei diesen Lampen handelte es sich um eine heute nicht mehr gebräuchliche Angabe in Hefner-Kerzen. Um die Angabe auf die heutige gültige Bezeichnung Watt zu bringen, können wir eine 25kerzige Birne etwa mit einer 15-Watt-Glühbirne vergleichen. Christel Ohrmann wurde am 1. Oktober 1920 als Mühlenverwalter eingestellt. Schon im Januar 1921 erlitt er eine Gasvergiftung, die eine längere ärztliche Behandlung nötig erscheinen ließ. Christel Ohrmann wurde kurze Zeit später entlassen, und es kam zu einer Streitsache zwischen dem Mühlenverwalter und der Gemeinde Polle, die durch einen Schiedsspruch zugunsten von Herrn Ohrmann ausging.

 

Verhandlung mit Wesertal

 

Im Dezember 1920 kam es zu Besprechungen über die Anschlussmöglichkeit des Fleckens Polle an das Hochspannungsnetz des Elektrizitäts-Werkes Wesertal GmbH in Hameln. Schon am 21. Januar 1921 laufen im Landratsamt Hameln die Verhandlungen, und es folgte ein Garantieverband-Zusammenschluss „Ottenstein“, denen die Orte Ottenstein, Polle, Heinsen, Pegestorf, Vahlbruch, Lüntorf, Brevörde, Lichtenhagen, Meiborssen, Hohe, Ovelgönne, Grave und Deitlevsen angehören.

 

Die Anlagekosten werden für Polle wie folgt mitgeteilt:

 

Hochspannungsleitung 194 051 Mark


Umspannstation 68 000 Mark


Niederspannungsnetz 235 949 Mark


Unvorhergesehenes sowie


Kleinmaterial 12 000 Mark

 

  Summe  = 510 000 Mark

 

Nach dem Konzessions- und Lieferungsvertrag hatte Polle einen Baukostenzuschuss von 290000 Mark zu zahlen, wenn es den Anschluss wünschte. Die Gemeinde Polle entschloss sich in der ersten Jahreshälfte 1921 zur Abgabe der Mühle im Submissionsverfahren. Die Turbine wurde mit etwa 14 PS, der Naphthalin-Motor mit 10 PS abgegeben, das Kapital, das zum Erwerb erforderlich war, sollte 100 000 Mark betragen. Unter den zahlreichen Interessenten sei hier der Senator Meyer genannt. Zum Verkauf der Mühle und des Elektrizitätswerkes nebst Ortszentrale kam es aber nicht. Im ersten Halbjahr 1922 scheinen die Würfel und damit die Entscheidung für den Anschluss von Polle an das Hochspannungsnetz der Wesertal GmbH gefallen zu sein. Der Baukostenzuschuss, den der Flecken Polle zu entrichten hatte, war nach einem Schreiben von Wesertal vom 27. März 1922 durch die Inflation auf eine Höhe von 420 000 Mark geklettert. In diesem Preis waren die Einzelanschlüsse, das Sägewerk, die Siedlung, die Straßenbeleuchtungsanlage nebst Beleuchtungskörper enthalten. Im Gegenzug verpflichtete sich die Wesertal GmbH auf Drängen des Gemeinderates von Polle, das Mühlengebäude mit Stromerzeugungs- sowie Verteilungsanlage zu einem Preis von 170 000 Mark zu übernehmen. Der Betrieb der Mühle sollte im bisherigen Umfange für die Bedürfnisse des Ortes Polle weiter aufrechterhalten werden.

Der Maschineschlosser K. Maas, der zuvor in einer Mühle mit Elektrizitätswerk in Altenhagen bei Springe gearbeitet hatte, war von Oktober 1921 bis 1926 in der Mühle als Verwalter tätig. Als letzter Mühlenverwalter von 1926 wird der Name Wessels genannt.

 

Nach dem Brande abgerissen

 

Am 7. Februar 1928, so ist es auf einem zeitgenössischen Foto vermerkt, entstand ein Brand, der das Mühlengebäude einäscherte. Kurze Zeit später wurde das Gebäude eingeebnet, und somit endete ein Stück Mühlengeschichte, das dem Mühlenweg den Namen gab.

 

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Die Poller Burgmühle nach dem Brande am 7.2.1928. Heute erinnert nur noch der Mühlenweg an das Gebäude

 

Erinnerungen an die Frühzeit der Elektrifizierung in Polle sind nicht nur Fotografien und ein Aktenordner, sondern auch ein alter verrosteter Gittermast. Dieser versieht seit rund 60 Jahren seinen Dienst auf der Brinkstraße als letzter Zeuge einstigen Fortschrittes. Eine Gedenktafel, deren jetziger Standort sich vor dem erhalten gebliebenen Teil des ehemaligen Amtshauses befindet, soll an die Krafft-Stiftung erinnern, die es ermöglichte, das elektrische Ortsnetz auszubauen schon vor dem Anschluss des Fleckens Polle an die Hochspannungsleitung der Wesertal GmbH vor 1922. Ihre Inschrift lautet:

 

„Zween Poller Kind
Geschwister Krafft
Han uns dies schöne
Licht verschafft.
Wenn’s leuchtet hell
Zur Arbeitszeit,
denkt Polle ihrer
in Dankbarkeit.“
Polle, November 1900

 

Autor: Wolfgang Wagner

 
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