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Lehm- und Tonvorkommen in der Umgebung des Flecken Polle

Lehm- und Tonvorkommen in der Umgebung des Fleckens
Polle und die Verwendung beim Hausbau, in den  Ziegeleien
und Töpfereien

von Wolfgang Wagner

mit 4 Abbildungen

In der näheren Umgebung des Fleckens Polle befinden sich einige nicht unbedeutende Lehm- und Tonvorkommen, welche noch vor einigen Jahrzehnten abgebaut wurden. Der Lehm, ein alter Baustoff, fand schon seit Jahrhunderten vielseitige Verwendung im Hausbau. Ton, ein wichtiger Rohstoff zur Herstellung der verschiedensten Tonwaren, wurde noch vor einigen Jahrzehnten westlich von Polle abgebaut und in mehreren Ziegeleibetrieben verarbeitet, aber auch zwei Töpfereien bedienten sich dieses Rohstoffes.

Lehm, ein besonders typischer Baustoff unserer Heimat, fand schon seit Jahrhunderten zum Bau der Fachwerkhäuser Verwendung. Heute scheint er als Baustoff fast gänzlich vergessen zu sein. Lehm ist wie Ton das Endprodukt der chemischen sowie physikalischen Verwitterungsvorgänge von Gesteinen und ist somit von jüngerer geologischer Herkunft. Lehm ist im Gegensatz zum Ton kalkärmer und stellt ein Gemenge aus feinsten Quarzkörnern dar. Er kommt grundsätzlich in verschiedenen Farben vor, was auf unterschiedliche Inhaltsstoffe hinweist.

Die Farbe des bei Polle anstehenden Lehms ist von gelblich-hellbrauner Beschaffenheit, was auf Eisenverbindungen schließen lässt. Wegen seines Sandgehalts fühlt er sich rau an und ist nicht so plastisch wie Ton. Lehmvorkommen sind weit verbreitet und auch ganz in der Nähe des Fleckens Polle zu finden. Abgebaut wurde diese Bodenart in den so genannten „Lehmkuhlen“ (SCHUHMANN, 1973, S. 335). Von den zwei bekannten Lehmkuhlen befand sich eine gegenüber dem heutigen Sägewerk, die bei der Verbreiterung der Bundesstraße eingeebnet wurde. Dieses Vorkommen zieht sich über die Lindenbreite bis zum Osterberg, am ehemaligen Steinbruch der Norddeutschen Hütte AG, hin. Eine weitere Lehmkuhle ist heute noch im Glase gegenüber dem Schießstand erkennbar.

 

Der Lehm, der hier [in den volkstümlich genannten „Kuhlen“] abgebaut wurde, fand beim Bau eines Fachwerkhauses vielfältige Verwendung. Die Fachwerke wurden mit dem Handhergestellten und luftgetrockneten Lehmstein gefüllt. Der Lehmstein, einem gebrannten roten Ziegelstein sehr ähnlich, erhielt zum Beispiel bei der Herstellung als Zuschlagsstoff Getreidespreu. Aber auch Flachsrückstände, die „Schiebe“ genannt wurden, konnten dem Lehm zugesetzt werden.1) Durch diesen Zusatz erhielt der Lehmstein nach der Trocknung eine wesentliche bessere Festigkeit; ein Reißen des Steines konnte so verhindert werden.

 

Das Formen der Lehmsteine geschah von Hand, die nachfolgende Lufttrocknung erfolgte auf einem Brett. Die Innen- und Außenwände wurden ebenfalls mit Lehm verstrichen, wobei allerdings noch Lehmträger, das heißt Strohgeflecht oder ähnliches, eingesetzt wurden. Die große Diele eines Fachwerkhauses besaß, wie könnte es auch anders sein, einen Lehmfußboden. Noch vor dem Aufkommen von Dreschmaschinen wurde auf der Diele, gelegentlich auch Deele genannt, das Getreide mit dem Dreschflegel ausgedroschen. Bei einem Steinfußboden wären die Getreidekörner vom Dreschflegel größtenteils zerschlagen worden, bei einem Lehmfußboden geschah dies wegen der Elastizität des Lehmbodens nicht. Ja selbst der hauseigene Backofen besaß eine Lehmverkleidung. Hier wurde der gut durchgearbeitete Lehm mit klein gehacktem Stroh als Zuschlagsstoff versetzt und auf den Fußboden aufgebracht.

Nach neueren Erkenntnissen werden die Eigenschaften von Lehm beim Hausbau als sehr günstig angesehen (SCHNAASE 1982). Im Sommer kühl, im Winter warm, zeigt Lehm einen Wärmedurchgangswiderstandswert, der etwas höher ist als der einer Ziegelsteinwand. Bei der Verwendung von Stroh als Zuschlagsstoff kann der Wärmedurchgangswiderstandswert bis zum Vierfachen einer Ziegelsteinwand betragen. Außerdem übertrifft ein Lehmbau einen Backsteinbau in bezug auf die Schalldämmung. Lehm gilt als einer der gesündesten Baustoffe neben Holz und besitzt eine hohe Regenerationskraft. Lehm ist außerdem feuerbeständig und, wie schon festgestellt, ein schlechter Schall- und Wärmeleiter und dazu noch billig. Nachteilig sind sein Quellen und Schwinden, sein Aufweichen im Wasser und seine Frostempfindlichkeit. Dass auch beim Kalkofenbau, in dem der Kalkstein unserer Gegend gebrannt wurde, mit Lehm verstrichen wurde, zeigt einmal mehr die vielseitige Verwendung dieses alten Baustoffes, der heute noch beim Bau eines Kachelofen Verwendung findet.

Lehmsteine werden durch den gebrannten Ziegelstein, zunehmend nach 1850, an der Bausubstanz gut zu beobachten, beim Hausbau im Flecken Polle verdrängt. Mochte auch der Bauherr auf das bewährte und althergebrachte Fachwerk beim Hausbau noch nicht verzichten, so werden jetzt aber die Fachwerke mit dem Rotgebrannten Ziegelstein gefüllt. Nach 1900 entstehen nur noch reine Ziegelsteinbauten im Ort, Fachwerkhäuser werden nicht mehr errichtet. Feuereinwirkung reißt die Fachwerksubstanz, später sind es auch willkürliche Eingriffe durch die Straßenverbreiterung, breite Lücken, die das Dorfbild heute entstellen. Nur noch auf historischen Aufnahmen ist das einstige mittelalterliche Aussehen des alten Dorfbildes in Polle erhalten geblieben. Einige Beispiele für gelungene Fachwerkbauten, die noch vor 1900 entstanden und schon den typischen Rotgebrannten Ziegelstein im Fachwerk haben, sind in Polle auf der Burg-, Mittel- und Pyrmonterstraße zu finden. Der verbaute Ziegelstein dürfte dann wohl auch schon aus den Ziegeleien der näheren Umgebung bezogen worden sein.

Auch Ton. Ein wichtiger Grundstoff zur Ziegelherstellung, ist in abbauwürdiger Form in großer Mächtigkeit westlich von Polle, im so genannten Liasgraben, zu finden (GRUPPE 1912). Ein grauer, leicht bläulicher Ton steht am Silbersiek, an der alten Ziegelei, sowie an der Forsthausziegelei in der Forstgenossenschaft Polle an. Er bildete den Rohstoff für die drei genannten Ziegeleien. Ein gelblicher Ton ist bei der ehemaligen Ziegelei Birkenhagen bei Meiborssen, nahe der Landesgrenze nach Lippe, zu finden.

Ton besteht aus einem Gemenge von Tonmineralien, überwiegend Schichtsilikaten, Quarz, Feldspat und Glimmer. Die gewöhnlich reichlich vorkommenden Eisenoxide verleihen dem Ton eine gelbliche bis rote Farbe. Die Eisenoxide sind außerdem verantwortlich für die rötliche Farbe, die nach dem Brand der Ziegelsteine und bei anderen Tonprodukten entsteht. Tone kommen, da sie Verwitterungsprodukt feldspathaltiger Gesteine sind, nur in den jüngsten geologischen Formationen vor. Die Korngröße liegt bei Ton unter 0,002 Millimeter, der Mineralbestand ist so feinkörnig, dass er weder mit dem Auge noch mit dem Mikroskop erkannt werden kann.

Die erste Ziegelei, die im ehemaligen Amt Polle auftaucht, wird als „am Gellerholze“ genannt (MEYER 1843). Sie ist seit 1767 vorhanden und hat den Holzreichtum als Energielieferant genutzt. Bei der Ziegelei am Gellerholze dürfte es sich um die heute bekannte Forsthausziegelei in der Forstgenossenschaft Polle handeln. Der asphaltierte Weg von Weißenfeld zur Forsthaus-Ziegelei, heute eine Wochenendhaus-Siedlung, wird gelegentlich noch Ziegeleiweg genannt. Die Bausubstanz der Fachwerkhäuser deutet ebenfalls auf das angegebene Alter hin.

Der Ziegelstein, der hier hergestellt wurde, besaß noch nicht die Härte unserer heutigen Ziegelsteine und war dazu im Ganzen gröber gearbeitet und besaß an der Oberfläche zahlreiche Löcher. Der Betrieb der Ziegelei wurde noch vor 1900 eingestellt. Der Produktionsumfang dieser Ziegelei ließ sich aufgrund fehlender oder verloren gegangener Unterlagen nicht mehr ermitteln

Nicht weit von der Ziegelei Forsthaus bei Weißenfeld bestand im Silbersiek ein weiterer Ziegeleibetrieb. Im Verkoppelungsreceß von 1876 wird sie im Zusammenhang mit Ludwig Pieper als Besitzer genannt. Der Sohn Heinrich führt nach dem Tode seines Vaters den Betrieb am Silbersiek weiter. Ein Ziegelmeister Hardwig, geboren am 12. Dezember 1775, verstorben am 8. November 1851, ist auch aus der Familie bekannt.2) Ob der Ziegelmeister Hardwig Pieper die Ziegelei am Silbersiek anlegte, konnte nicht geklärt werden. Der Betrieb geht noch vor 1900 durch einen Brand verloren und wird danach gänzlich aufgegeben. 1901 liefert Heinrich Pieper noch 2000 Stück Dachsteine an die Wagenersche Ringofenziegelei und weist sich auf der Rechnung als Ziegeleibesitzer im Silbersiek aus. Das Grundstück ist heute eine Wiese für den Viehtrieb, auf der für das Auge nur noch schwer der Tonabbau erkannt werden. Gebäudereste sind ebenfalls nicht mehr vorhanden.Lehm_u_Tonvorkommen_01.jpg

Abb. 1 Projektierung der Ringofenziegelei Wagener & Co. GmbH 1901

Nicht weit vom Silbersiek, in der Gemarkung Meiborssen, dicht an der Landesgrenze nach Lippe, ist eine weitere Ziegelei zu finden. Es handelt sich  um die Ziegelei Birkenhagen. Ringofen nebst Schornstein mit Wohnhaus sind heute noch vorhanden. Der Ringofen wurde noch vor 1964 durch die Firma Giesemann aus Grave errichtet. Nach einem Probebrand erlangte der Betrieb hier keine Bedeutung mehr, es erfolgte der Konkurs und Schließlich der Verkauf.3) Die Rekultivierung lässt heute vom Tonabbau ebenfalls nicht mehr viel erkennen. Die Ziegelei Birkenhagen besaß noch einen Vorgänger aus den dreißiger Jahren. Welchen Umfang und welche Bedeutung die Ziegelei besaß, lässt sich ebenfalls wegen fehlender Unterlagen nur schwer abschätzen.  Der noch vorhandene Ringofen lässt aber keinen weitreichenden Produktionsumfang zu. Vermutlich handelt es sich um einen kleinen mittelständischen Betrieb mit höchstens 15 bis 20 Arbeitsplätzen. Eine größere Bedeutung kann dieser Ringofenziegelei nicht zugesprochen werden.

Die letzte Ziegelei, die genannt werden soll, befand sich in der Nähe der Knickmühle und wird heute auf den einschlägigen topografischen Karten als „alte Ziegelei“ bezeichnet. Aufgrund aufgefundener Unterlagen kann dieser Betrieb, der kurz nach 1900 gegründet wurde, ausführlicher behandelt werden. Es handelt sich um die „Poller Ringofenziegelei und Tonwarenfabrikation Wagener & Co GmbH“ (Abb. 1). Die Eintragung in das Handelsregister der Abteilung B erfolgte am 2. Dezember 1901 im königlichen Amtsgericht Polle. Das Stammkapital wird mit 60 000 Mark angegeben. Bei den Gesellschaftern handelt es sich um den Geschäftsführer und Ziegelmeister Christian Kiel aus Wörderfeld, den Ökonom und Holzhändler Christian Bicker aus Polle sowie um den Gartenbauinspektor Wilhelm Wagener aus Dortmund. Als Rechnungsführer muss hier noch der Kaufmann Bernhard Dülm aus Polle genannt werden. 4) Gegenstand waren die Einrichtung eines Ringofens und der Betrieb von Tonwerken auf den erworbenen Grundstücken sowie die Herstellung und Verwendung von Ringofensteinen sowie Tonwaren aus diesen Grundstücken.

Die Vorbereitungen zum Bau der Ringofenziegelei waren recht umfangreich, die aufgefundenen Unterlagen vermitteln einen interessanten Einblick über Lieferungen, Leistungen und Betriebe, die heute nicht mehr bestehen. Allein von August 1900 bis Oktober 1901 wurden 127,5 Tonnen Kohle mit Pferdefuhrwerken von den umliegenden Bahnhöfen herangeschafft. Bezogen wurde die Kohle von der Zeche Minister Aschenbach bei Mengede sowie von  der Zeche Stein und Hardenberg der Gelsenkirchener Bergwerksaktien-Gesellschaft aus Rheinelbe bei Gelsenkirchen. Für 20 Tonnen Kohle wurden 216 Mark in Rechnung gestellt. Eine von mehreren Kostenrechnungen, ausgestellt durch das Königliche Amtsgericht Polle über eine Kostenschuld von 53,95 Mark, war unter Angabe des Kassenzeichens an die königliche Gerichtskasse zu zahlen.

Wilhelm Floto, Stellmacher aus Polle, lieferte im Juni 1901 vier Schüppenstiele für 1,60 Mark. Ausschachtungsarbeit sowie Wegearbeiten, Plätze ausbessern und Gleise verlegen geben einen interessanten Einblick auf den gezahlten Stundenlohn von 0,25 Mark, das Krankengeld wird mit 0,09 Mark hinzugerechnet, die Invalidenmarken mit 0,12 Mark angegeben. Im Januar 1902 wird von Friedrich Kloß eine 57,44 Ar große Wiese, die den weiteren Tonabbau sicher sollte, mit dem Kaufpreis von 1205,34 Mark erworben. Die Produktion in der Ringofenziegelei konnte schon 1902, wenn auch noch nicht im vollen Umfang, aufgenommen werden.

Der Ringofen (Abb. 2 und 3), der auch in der Wagenerschen Ringofenziegelei und Tonwerke GmbH betrieben wurde, war in sich zurückkehrender ringförmiger Brennkanal, durch den das Feuer hindurchwanderte. Der Feuerfortschritt beträgt je nach dem Brenngut sowie dessen Brenntemperautur, die etwa bei 900 bis 1100 Grad Celsius liegt, sechs bis 14 Meter täglich. Die Beschickung mit dem Brennstoff erfolgte durch je einen Meter voneinander entfernt liegenden Schüttlöcher im Gewölbe.5) Die Konstruktion dieses Ofentyps lässt einen kontinuierlichen Betrieb durch Rundbrand zu. Aufteilung in Ein- und Ausfuhrzone, Vorwärm- und Abkühlzone sind Stichworte für die Arbeitsweise dieser Öfen. Die Konstruktion des ersten Ringofens, dies sei hier noch angemerkt, stammt aus dem Jahre 1857. Es darf also angenommen werden, dass der Ringofen, der 1901 bei Polle entstand, noch eine relativ neue Einführung auf dem Sektor der Tonwarenherstellung war.

 

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Abb. 2 Grundriss der Ringofenanlage

 

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Abb. 3 Seitenansicht der Ringofenanlage

 

Die erste Inventur, die 1902 durchgeführt wurde, gibt dann auch wertvolle Detailinformationen über den Produktionsumfang, den verwendeten Maschinenpark sowie über die Anzahl der beschäftigen Arbeitnehmer. Die maschinelle Einrichtung war dann auch zum überwiegenden Teil auf die Handarbeit ausgerichtet. Es wurden eine Pfannenmaschine, drei Tonmühlen, zwei Platonwagen, zwei Muldenkipper, drei Drehscheiben, 465 Meter Gleise, zwei Weichen, zehn Schüppen, vier Steinformen, acht Stechschüppen und 29 Karren angegeben. Neben dem Ringofen befanden sich ein Pferdestall und ein Arbeitshaus mit Speiseraum nebst 20 Bettstellen. Ein Einblick in die Lohnliste zeigt, dass 1902 außer dem Ziegelmeister Kiel noch weitere 20 Arbeiter im Ziegelbetrieb beschäftigt wurden, und ein großer Teil davon aus  dem Lippischen kam (PAPE 1910)

 

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Abb. 4 Arbeiter beim Tongraben bei der Ringofenziegelei Wagener & Co. GmbH, um 1910.

Ein Bestand an gebrannten Tonwaren wurde 1902 wie folgt verzeichnet:
Mauersteine, erste Sorte: 760 050 Stück à 0,15 Mark macht 114 007,50 Mark;
Mauersteine, dritte Sorte: 38 400 Stück á 0,09 Mark macht 345,60 Mark;
Dachziegel, erste Sorte: 10 000 Stück 700 Mark; Dachziegel, zweite Sorte:
2 860 Stück zu 57,20 Mark; Firstziegel: 120 Stück á 0,06 Mark macht 7,20 Mark; Kalk 20 Zentner á 0,75 Mark macht 15 Mark. Die Summe an gebrannten
Tonwaren betrug 1902: 12 137,75 Mark.
 

An Gewerbesteuer hatte der Ringofenziegeleibetrieb im Veranlagungsjahr, beginnend am 1. April 1903 bis zum 31. März 1904, einen Gewerbesteuersatz der Klasse drei von jährlich 64 Mark zu zahlen. Als Gewerbebetrieb wurde die Ringofenziegelei 1903 zur Landstraßenunterhaltung durch den Vorsitzenden des Kreisausschusses Hameln herangezogen. Eine im Vorjahr durchgeführte Verkehrszählung ergab nach Umrechnung einen zu leistenden Betrag von 181,50 Mark. Die nächstfolgenden Jahresbeträge wurden mit je 125 Mark angesetzt. 1903 ist es zu umfangreichen Investitionen, das heißt zu Neuanschaffung von Maschinen und zu einem Erweiterungsbau des Maschinenhauses, gekommen. Der schuppen wurde nach Abschreibung mit 4 555,90 Mark, der Ringofen mit 23 914,69 Mark, das Arbeitshaus wurde mit 3 706,25 Mark, das Grundstück mit 9 869,34 Mark angegeben. Die Maschinen waren noch nicht abgeschrieben mit 21 733,88 Mark, das Maschinenhaus mit 13 290,34 Mark.

 

Ein Ausschnitt aus einem Kostenvorschlag für einen maschinelle Ziegeleieinrichtung, ausgestellt durch die Firma F. Meyer & Schwabedissen, Maschinenfabrik aus Herford, vom 1. November 1903 gibt einen interessanten Einblick in die damaligen technischen Möglichkeiten und soll hier nicht unerwähnt bleiben. Eine „stationäre Hochdruck-Expansionslocomobile mit Locomotiv-Röhrenkessel und Präzisionssteuerung System Rider, die bei 0,2 Zylinderfüllung und 125 Touren pro Minute 42 effektive Pferdestärken leistet, maximal 65 PS, Preis franko nächster Bahnstation 8 650 Mark, Ziegeleipresse B 3 für eine stündliche Leistung von 2000 Stück Norma-Format-Mauersteine mit stehendem Tonvorschneider sowie liegendem Schneckenzylinder, mit Wellen von Stahl und Rotgusslagern mit Ankerscheiben und einem Mauersteinmundstück 2 450 Mark....“

Das  Produktionsprogramm der Ringofenziegelei hat sich durch die Investition in Höhe von 30 000 Mark im Jahr 1903 deutlich verbreitert. Es umfasst an Mauersteinen eine erste bis dritte Sorte, Sockelsteine, Lochsteine, Rundstabsteine, zwei Sorten Dachziegel sowie Tonröhren von ein; 1,5; 2,5; 3,4 und fünf Zoll. Der Wert der gelagerten Tonwaren erreicht bei der Inventur 1905 eine Summe von 22 939,08 Mark. Interessant ist auch der Verbreitungsraum der verkauften Tonwaren. Neben Polle werden Meiborssen, Vahlbruch, Wörderfeld, Elbrinxen. Ottenstein, Sabbenhausen, Rischenau, Hummersen, Heinsen, Brevörde, Grave, Pegestorf und Dölme aufgeführt, was zeigt, dass das Umfeld der Ringofenziegelei als Markt bedient wurde.

Bei der Ringofenziegelei handelt es sich um einen so genannten Saisonbetrieb, der im April die Produktion aufnahm und im Oktober wieder einstellte. Sie war Mitglied bei der „Ziegelei-Verkaufsgesellschaft Oberweser“, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Geschäftssitz Holzminden. An diese Verkaufsgesellschaft waren weitere zehn Ziegeleien aus der Umgebung von Holzminden angeschlossen. Durch Überweisung von Lieferungen und anschließende Übernahmebestätigung durch die betreffende Ziegelei wurde der Kunde aus der am nächsten gelegenen Ziegelei bedient. Ein weiterer Vorteil lag in der Vorausplanung für die Fabrikanten. Die vorhandenen Belege zeigen zum Teil den Umfang der Produktion, aber auch die Bauherren der umliegenden Orte.

Dass [hierzu]  auch Fuhrwerke benötigt wurden, sei noch angemerkt. Vergütet wurde seitens der Gesellschaft für den Tag acht Mark; die Arbeitszeit begann morgens um 6 Uhr und endete abends um 20 Uhr. War auf Verlangen das Fuhrwerk, großer Wagen mit zwei Pferden und einem Knecht, nicht zur Stelle, so konnte auf Kosten des unterzeichneten Fuhrunternehmers ein anderer beauftragt werden. Im Oktober 1912 scheint es zu ernsten Problemen in der Ringofenziegelei gekommen sein. Die gelieferten Steine wurden als rissig bemängelt, und man weigert sich, weitere Lieferungen auf dem Wasserweg abzunehmen, desgleichen konnten weitere Lieferzusagen nicht gegeben werden, da die Leute mit der Kartoffelernte beschäftigt waren.

Kam es in den ersten Jahren des Betriebes in der Ziegelei von Wagener & Co, auch Dampfziegelei genannt, fast ausschließlich zu Verkäufen in die nähere Umgebung, so folgte später auch der Versand per Schiff weserabwärts Richtung Bremen. Welchen Umfang die Lieferungen annahmen, ließ sich aus den vorhandenen Unterlagen allerdings nicht ermitteln. Um neue Abnehmer im norddeutschen Raum besser und zügiger bedienen zu können, scheint man sich für den Versand der Tonwaren, vorzugsweise handelte es sich dabei um Steine, für das Schiff entschieden zu haben.

Nach einer Unterlage vom 9. Juli 1912 erhält der Betrieb die deichpolizeiliche Genehmigung zur Erstellung einer Ladeschlagt sowie eines Ladeplatzes am linken Weserufer, Stromkilometer 93,4. In einer gesondert nachzusuchenden strompolizeilichen Erlaubnis war die Standsicherheit der geplanten Ufermauer nachzuweisen. Zu dem Bau der Ladeschlagt kommt es scheinbar nicht, da im Kriegsjahr 1914 der Betrieb in der Ringofenziegelei eingestellt werden muss. Im Frühjahr 1918 wurden die Treibriemen des Ziegeleibetriebes beschlagnahmt, in der Heimat herrscht ein spürbarer Mangel an kriegswichtigen Rohstoffen, zu denen auch das Leder zählte. Abgegeben wurden insgesamt neun gebrauchte Treibriemen im Gewicht von 219 Kilogramm. Für 1919 und 1920 ist aus den Unterlagen ersichtlich, dass es zu Abbrucharbeiten auf dem Betrieb der Ringofenziegelei kam. Alle beweglichen Maschinenteile wurden veräußert; es handelte sich um eine Wolf’sche Heißdampflocomobile mit 70 bis 80 PS sowie um die Ziegeleimaschinenanlage „Raupachsches Fabrikat“ zur Verbreitung von Schieferton und  Lehm; alles war laut Annonce in „vorzüglichem Zustand“.

Der umfangreiche Maschinenpark wurde bei der Auflösung vollends sichtbar. LS Käufer traten die Farbwerke, vormals Meister Lucius und Brüning, aus Hoechst am Main auf. Zu den veräußerten Maschinenanlagen gehörten ein Stahlbrechwerk 600 Millimeter, ein Hartguß-Glattwalzwerk 759 Millimeter, zwei Hartguß-Glattwalzwerke 550 Millimeter, ein Tonmischer, eine komplette Ziegelpresse, etwa 400 Millimeter, sechs Röhren-, drei Sockelstein-, vier Pfannen-, und fünf Vollsteinformen, ein Aufzug, eine Pumpe, fünf Abschneider, eine Transmission mit Riemenscheiben sowie 1900 Kilogramm Reservestücke im Gesamtwert von 26 700 Mark.

Der für die Ziegelei typische Abluftkamin mit seiner Höhe von 35 Metern wurde erst einige Jahre später abgetragen. Das Arbeitshaus mit dem Büro sowie das Maschinenhaus wurde mit den Grundstücken veräußert und in den nachfolgenden Jahren zu Wohnhäusern umfunktioniert. Die Tongruben wurden zu Teichen umgewandelt. Aus dem Ziegeleibetrieb Wagener & Co. GmbH entsteht eine Siedlung „Alte Ziegelei“ westlich von Polle.

Neben den Ziegeleien, die den Liaston des Falkenhagener Graben in größeren Maßstab ausbeuteten, sind auch noch zwei Töpfereien zu nennen. Im Jahre 1840 kauft der Amtszimmermeister H. C. Mönckmeyer in Polle die Hausstelle Nr. 80 in der Grabenstraße vom Oberförster Oppermann, in der eine Töpferei betrieben wurde.6) Eine zweite Nachricht liegt aus dem Jahr 1833 vor; diese weist darauf hin, dass die Töpferei noch in Betrieb ist.7) Weiterreichende Detailinformationen gehen aus den vorgefundenen Unterlagen nicht hervor.

Im Oktober 1982 konnten beim Abriss einer älteren Stützmauer an der Grabenstraße, heute Pyrmonterstraße, 5 Kg Scherben geborgen werden. Auffällig war, dass es sich bei diesem Material hauptsächlich um Bleiglasierte Irdenware sowie um Steinzeug handelt, während Glasscherben, welche auf Küchenabfälle hinweisen würden, nicht vorhanden waren. Aus dem geborgenen Scherbenmaterial konnten Schüsseln, Töpfe und auch hohe Steinzeugtöpfe erkannt werden. Es tauchen unter anderem

Verzierungselemente auf, die in der Ware aus der Töpferei Silberborn ihre Parallelen finden.8) Es darf also vermutet werden, dass das geborgene Scherbenmaterial, welches hier zum Auffüllen an die Stützmauer geschüttet wurde, bzw. ein gewisser Teil, aus der ganz in der gelegenen Töpferei stammt.

 

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Ehemalige Ziegelei Birkenhagen in der Gemarkung Meiborssen mit den Produktionsgebäuden

 

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Siedlung alte Ziegelei. Ehemaliger Standort der Ringofenziegelei und Tonwaren-Fabrikation Wagner & Co GmbH

 

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Handhergestellter Ziegelstein mit Fingerabdrücken, gesehen am ehemaligen Bickerschen Hof in der Pyrmonter Straße

 

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Mittelstraße an einer Scheune von 1858. Fachwerk mit typischen Lehmstein und  Getreidespreu als Zuschlagstoff

 

Anmerkungen:

1. Mitteilung von Fr. Alwine Müller, Polle, Bergstraße über die Verarbeitung von Flachs und die Verwendungvon Flachsrückständen bei der Lehmsteinherstellung

 

2. Mitteilung von Herrn Otto Müller, Polle, Heimbergstraße über die Ziegelei am Silbersiek undihre Besitzer.

 

3. Mitteilung von Herrn Rolf Wellmann aus Birkenhagen über die dortige Ziegelei.

 

4. Unterlagen über die Ringofenziegelei Wagener & Co. Aus dem Nachlass des RechnungsführersBernhard Dülm, erhalten von Walter Hagedorn, Polle, Marktstraße.

 

5. Meyers Lexikon Band Nr. 8, Bibliographisches Institut, Leipzig 1928, S. 71 – 75.

 

6. H. C. Mönckmeyer, Tagebuch über die Erlebnisse und das Wirken des Amtszimmermeistersvon der Jugend bis zum 65. Lebensjahr, 1. Januar 1872.

 

7. Als man in den Ferien noch zu Fuß von Grohnde über Detmold nach Fürstenberg und Holzmindenwanderte. TAH 17.7.1981.

 

8. Mitteilung von Kreisarchäologen Christian Leiber im Oktober 1982. 

 

Literatur:

 

GRUPPE, O. (1912): Erläuterung zur Geologischen Karte, Blatt Holzminden, Königlich PreußischeGeologische Landesanstalt 1912.

GRUPPE, O. (1929): Geologische Karte, Blatt Ottenstein, 1:25 000, 1929.

MEYER, H. (1843):  Geschichte des königlich hannoverschen Amts Polle. In: HannoverschesMagazin 1843.

PAPE, C. (1910): Die lippischen Zieglerauswanderer und das lippische Zieglergewerbe.In: Hannoverland, Jahrgang 1910.

SCHNAASE. S. (1982): Der praktische Baubiologe. Dritte, durchgesehene und erweiterte Auflage. Prien 1982.

SCHUMANN, G. (1973): Flurnamensammlung des Landkreis Hameln-Pyrmont. Hrsg. G. Schumann,Hameln 1973.

WITTKOPP, F. (1957): Heinsen. Die Geschichte eines Oberweserdorfes. Hannover 1957.

 
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