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Ein Grenzstein am Köterberg

Ein Grenzstreit am Köterberg

Eine Geschichte aus unserer engeren Heimat – Kostspielige Prozesse wurden geführt

Grenzen waren und sind seit eh und je umstritten, ob es sich dabei um umfangreiche Territorien der Landesfürsten oder um den geringeren Besitz von Bauern handelt. Um Grenzgebiete wurden ebenso oft blutige Kriege wie kostspielige Prozesse geführt. Im Bereich unserer engeren Heimat stießen die Interessen um den Verlauf von Grenzen nirgends schärfer aufeinander als am Köterberg, der seit undenklichen Zeiten seinen Namen als „Berg der Schneden“ (Grenzen) mit Recht trug. Noch im 16. Jahrhundert führten der Herzog von Braunschweig-Lüneburg und der Abt von Corvey einen langwierigen Prozeß vor dem Reichskammergericht zu Speyer.

In den folgenden Ausführungen geht es um die Schnede (Grenze) zwischen den Stift Corvey und dem Kloster Falkenhagen. Der Streit um seine Beilegung fanden ihren Niederschlag in einem Bericht des Jahres 1518, der in Wigands Werk „Der Corveyische Güterbesitz“, Meyersche Hofbuchhandlung, Lemgo, 1831, Seite 228 bis 238, zum Ausdruck gelangte. – Das in mittelniederdeutscher Sprache verfaßte Schriftstück ist in der Schreibweise der Orts-, Flur- und Familiennamen recht uneinheitlich; fehlende oder anders gesetzte Satzzeichen erschwerten die  Erfassung des  Sinnzusammenhanges; die damals übliche Verwendung  des

u = v sowie des v = u hinderten ein flüssiges Lesen. Aus diesen Gründen sind entsprechende Änderungen vorgenommen, ohne jedoch am Inhalt zu rühren.

„Vorzeichninge und Nachwysunge, wo de Snede gegan is twischen dem friggen Stiffte Corvey und dem Kloster thom Falkenhagen“ lautet die Überschrift.

Es war am Montag nach Quasimodogeniti (Sonntag nach Ostern) „achte Slegen vormiddages“, als sich die Parteien von hüben und drüben an einer verabredeten „Malstede“ trafen, nämlich „up der Valelune, da de olde Helweg overgeith und de Vithagen eynen Begyn hefft“. (Man unterschied zwischen der fahlen und blanken Luna oder Lonau). Von corveyischer Seite waren erschienen: „Franciskus Ketteler, Abbt des friggen Stiffts Corvey, myth synem Capittel, Ridderschop, Steden, Vogeden, Manschop und Jegeren“. Die Gegenseite wurde vertreten durch den würdigen „Prior Conradus von Tuleken thom Falkenhagen myth synem Capittel, Herrn und Broderen und Frunden“. Ihre Aufgabe bestand darin, „eyne Snede tho tehende und tho voreynigende twischen den Guderen des Stifts Corvey, S. Benedictus Orden und thostan dem hiligen Kinde S. Vito uf eyne und den Guderen des Klosters Falkengagen, genant des hiligen Crutzes Orden und thostan der Juncfrowen Marien und dem hilgen Crutze up ander Syden“. – Es mag familiengeschichtlichem Interesse sein, wenn hier auch die Namen der Begleiter genannt werden, obgleich eine lückenhafte Zeichensetzung die Trennung von Namen und Amt oder ihre Zusammengehörigkeit erschwert. An der Stelle des Namens steht zuweilen nur ein N. – Vom Corveyer Kapitel waren erschienen: „Her Henrik N., Her Henrik von Boreken, Her Cord N., Her Johan N., Kornschryver, Her Henrick Bringkman, syner G. (Gnaden) Cantzler; von der Ridderschop: Philipps von Kansteyn, eynen Amptmann up der Toneborch, Henrick von Stochusen; und der van Hoxerwegen: Hans Derndall, Burgemester, Hans Uden, Radtman, Hans von Lemgo, unsers g. H. (gnädigen Herrn) Vogeth, Gerbrecht, eyn Oldtman von 70 Jairen, Arndt Hyldebrandes, eynen Oldtman, unsers g. H. Jeger; von Stale: Cordt Bergkman, Cord Grasshoves, Berthold Krekeler, Nolte Ryssen, Gotschalk Werneken, Kosteken Segebode, Hans Borcholthe, Hans Losack; von Albaxen: Henrick Wulffs mit sesse Mannhen; van Berinchusen: Hans Perseken, Hans Mathies, Henrick Klukisthe; van Forstennowe: Tyle Ordeken, Henrick Sanders, N. Duvenbeke mit mehr Luyden uth Forstenowe etc.“ Aus dem Aufgebot der Falkenhagener seien genannt: „Jurgen von Oyenhusen, in Stede synes Broders Arndes von Oyenhusen, eynen Landtsathe, geboren up der Oldenborgk, in Stadt beyder Hern Paderborn und der Lyppe, Henrick Senneken, Arndt von Oyenhuss, Vogeth up der Oldenborgk, Reneke N., Hermen Lampe, syne Jegers, Her Henrick Fresse, Vicarius bynnen Hoxer tho S. Peter“. Besonders stattlich war die Zahl der Falkenhagener Klosterbrüder; von ihnen sei hier nur „Hans von Heynhussen“ genannt.

„Und weren woll bey 70 Man, geistlick und wertlick (weltlich) von bedeb Parthen up dusser Malstede“. In einer „open Lüydesprake“ sollte ein jeder seine Meinung frei äußern, zuvor aber soll ein jeder „mit Innicheidt synes Herthens eyn Ave Maria to Ehren der Junkfrowen Marien“ sprechen. Der Corveyer Abt teilte seinen christlichen Segen aus und „howede (haute) dath ersthe Teken tho eyner Snede an eynen Eschenbohme“, und zwar ein V zur Ehre des St. Vitus. Die Gegenpartei schlug in die Malbäume ein Kreuz „tho Ehren des hilgen Crutzes“.Die Valenluna aufwärts gind der Marsch dem Köterberge zu. Noch erfolgte alles „mith allem Flite und in guder Frundtschop“. Als man jedoch „under den Borne up den Koterberge“ ankam, „schag (geschah) eyn Verboth, dath nemandt solde mehr teken, unsse g. H. tho Corvey wolde ersthen eyne Sprake holden“. So blieb das Volk bei dem „nedderen Syke“ stehen. Mit dieser Unterbrechung aber waren die Falkenhagener nicht einverstanden. Ihr Prior erhob Einspruch, da die Grenze seines Klosters „wenthe an den Borne up dem Koterberge“ führe. Diese Ansicht wolle man mit „guden Kunden“ beweisen; man sei aber bereit, sich durch die Corveyer eines Besseren belehren zu lassen. „Do sprack u. g. H. tho Corvey mith tornigem Monde (mit zornigem Mute), he en wolde des szo nicht folborden” (anerkennen). Die Meinungen prallten hart aufeinander. „Unse g. H. tho Corvey en wolde nicht wyken, und de werdige Prior thom Falkenhagen mith synen Frunden wolden ok nicht wyken“. Und so stritt man nicht weniger als sechs volle Stunden miteinander. „....alle dusse Dedingesluyde degedingeden up den Koterberge der Sake thom besthen, und all dath Volk was so lange jegenwordig up dem Berge“, - (Mit dem Ausdruck „Degeding“ bezeichnete man früher die Gerichtsverhandlung, den Gerichtstag. Im Text dieses Berichtes steht mal „dedingen“ und mal – richtiger – „degedingen“. Von alten Leuten hörte man früher das Wort „dedagen“ für eine lange und hartnäckige Unterhaltung).

Lippolth vom Kansteyne, Henrick von Stochusen und Jurgen von Oeynhusen, diese drei Adeligen, die hier zum Unterschied von dem Bürger Hans Derndall deutlich als „Gudemanns“ bezeichnet werden, übernahmen schließlich die Rolle der Vermittler, („Gudemann“ ist nach Lübben-Walther „einer, nach dessen Urteil Schätzungen geschehen und Streitigkeiten beigelegt werden, oder ein Adlicher, ritterbürtiger Vasall“. Das Wort steckt in dem Familiennamen Godemann, Gödemann, Gömann). Sie baten den Prior, auf das strittige Stück Land zu verzichten. Da sie ihr Anliegen „so gelympliken und flitigen“ (vorsichtig und behutsam) anbrachten, willigte der Falkenhagener schließlich ein, betonte aber, daß Obrigkeit und Recht dieses Platzes nicht angetastet werden dürfe. In dieser Bedingung wurde der Prior von Jurgen von Oyenhusen unterstützt, der darauf aufmerksam machte, daß es sich in dieser Angelegenheit nur um einen Vertrag zwischen Corvey und Falkenhagen, nicht aber um eine Veränderung der politischen Grenze handeln könne. „....wannehr eth solde syn eyne Landtsnede, so wolde he affryden.“ Beide Parteien wurden noch einmal zusammengerufen.

Abt Kettler verkündete „overludt“, daß man „guitliken overeyns gekomen sei“, man schritt zurück zu dem Siek am Fuße des Berges , wo man mit dem Zeichen der Schnede aufgehört hatte. Vier Männer, nämlich „Hans von Lemgo, sin Vogt, Gerbrecht, syn Jeger, eyn Oldtman und Kundtschopper der Wellde“ (ein Altmann und Kundschafter der Herrschaft) seitens der Coeveyer und „Hendrick van Stenhem und Johan von Stenforde, twey olde Broder“, seitens der Falgenhagener wurden vorausgechickt. Ihnen folgten die Männer, die die Zeichen in die Malbäume zu hauen hatten. Der Grenzverlauf ist durch folgende Flurnamen gekennzeichnet: Das große, tiefe Siek unter dem Köterberge, vor dem Köterbergeschen Felde her bis an dessen Ende, weiter bis an den Ursprung der Niese, unter der Falkenflucht her bis zu dem tiefen Siek, das von dem Borne zu Mestorp kommt. Hier begann das Gebiet des Klosters Marienmünster und der Herren von Kannen.

An einer Linde zwischen Falkenflucht und Mestorp trafen sich noch einmal beide Parteien. „Item up desse sulffte Tidt und Stede by der Lynden is geholden eyne Sprake und eyn Gudtlick Affscheidt twyschen u. g. H. tho Corvey und dem werdigen Prior thom Falkenhagen“. Man vereinbarte, daß je vier Personen von jeder Seite die gesamte Schnede noch einmal abgehen sollten. „Dusse achte solden de Snede tho dem anderen Mal gan und schryven up Grunde, Sycke und Berge, daruth wolden unsse g. H. tho Corvey und de Prior thom Falkenhagen Schriffte maken der Snede und alsdan besegelen, bebreffen und bevestigen, dath eynen iderman wusthe in thokomenden Tyden, wo he sick mith dem Synen na richten solde“.

Diese Uebereinkunft hatte aber noch ein kleines Nachspiel. Da es sich bei dem strittigen Platz um schwalenbergischen Besitz handelte, mit denen die Edlen Herren von Schwalenberg das Kloster Falkenhagen einst „begifftigeth“ hatten, erhob Graf Symon zur Lippe Einspruch und behauptete: „...de Snede  horde sich tho gande wenthen an den Borne up dem Koterberge und vorth na dem Kranenpole und Rodenberge na der Lynden up de Falkenflucht“.

Der Corveyer Kanzler Henrick Bringkman aber lehnte seinen Anspruch mit der kurzen Erklärung ab: „Swalenberges Gudt is doch Lehengudt des Stiffts Corvey“.

Der Bericht schließt mit den Worten: „Syndt den Tyden hebben de hochgeborn Fursten und Hern, alsse Herman, Byschop tho Coln und Administrator der Kerken tho Paderborn, Erick, Hertoge tho Brunswick und Luneborch, Symon, Graf thor Lyppe, alle in eygener Personen up dem Koterberge erschenen und von den Saken und Sneden Underredunge gehabt“.

Autor: Friedrich Wittkopp   

 
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