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Der Amtshof in Polle

Dornröschenschlaf in Polle
Der „Amtshof Polle“ ist ein Adelshof von 1630

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Der Amtshof von 1630 nach 300 Jahren: Die Verbretterung von etwa 1924 verbirgt (und schützt) das Fachwerk mit Renaissance-Schnitzereien (Fotografie um 1930)

 

Wochenlang haben Bauforscher des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake den Adelshof am Fuß der Poller Burg aufgemessen und die Bausubstanz untersucht. Jetzt steht das Ergebnis fest. Das allgemein als „Amtshof Polle“ bekannte Wohnhaus des bis vor wenigen Jahren bewirtschafteten Gutsbetriebes wurde 1630 errichtet. Das ergab die holzbiologische Untersuchung des Bauholzes im Dachwerk und in den Deckenbalken. Fachleute können aus den Abständen der Jahresringe exakt das Fälldatum von Eichenholz ermitteln. Da die Hölzer für den  Adelshof Polle im Winter 1630 gefällt wurden, ist das Gebäude dem damaligen Baubetrieb gemäß im Folgenden Sommer 1631 errichtet worden.

 

Auch die Praktikantinnen Beate Johlen und Silke Schrader, die an der Untersuchung beteiligt waren, zeigten sich beeindruckt vom einheitlichen Baugefüge und der üppigen Verwendung von Eichenholz. Das prächtige Wohnhaus mit Schnitzereien in den Fassaden und großen Sälen im Innern ist über dem Tonnengewölbe eines Vorgängerbaues errichtet worden. Wie die übrigen Gebäude der Unterburg ist dieses wohl bei der Zerstörung in den Jahren 1622/23 abgebrannt. der Neubau von 1630, der bis heute hinter den Verkleidungen erhalten ist, hat dann die Zerstörung der Oberburg 1641 fast ohne Beschädigungen überstanden. Der „Amtshof“ war das private Wohnhaus des Amtmanns, bis zur Errichtung des neuen Amtshauses 1656 (zerstört 1945) muss es zusätzlich die Amtsräume des Amtes Polle beherbergt haben.

 

Die ehemals großen Räume wurden im laufe von 363 Jahren in kleinere Wohnräume aufgeteilt, weil sich die Wohnbedürfnisse geändert haben. So kam neue Bausubstanz hinzu, ohne die alte zu beseitigen. Eine letzte Umgestaltung bekam das stattliche Wohnhaus 1924, als der Grundriss mit kleinen Eingriffen modernisiert und der Eingang vom Giebel in die Seitenfassade verlegt wurde.

 

Hinter der Verbretterung von 1924 und den großen Platten aus den 60er Jahren hat das älteste erhaltene Gebäude des Burgbezirks gut geschützt einen Dornröschenschlaf gehalten. Ob sich jemand findet, es „Wachzuküssen“ und wieder mit Leben zu erfüllen? Wenn das Dach repariert ist, hält die Bausubstanz noch einmal 30 Jahre. . . .

 

Der Amtshof im Flecken Polle
Frau Anneliese Meinecke, wohnhaft in Polle auf der Heimbergstraße Nr. 21, konnte eine ausführliche Beschreibung über ihren ehemaligen Besitz geben. (Dec. 1989)

 

Der Amtshof besaß die alte Hausnummer 3. Vermutlich wurde der Wirtschaftshof des Amtes im 17. Jahrhundert an der jetzigen Stelle (Nordwestseite) am Fuß der Burg angelegt. Der Hof diente zur Versorgung der Burganlage, war also offensichtlich der ökonomische Teil der Burg. Später erhielten die Amtmänner zur Bewirtschaftung und als Einkommen den Hof zugeteilt.

 

Das Wohnhaus wurde 1917 (?) völlig umgebaut. An der Nordseite befand sich ein großes Dielentor, von dem heute nichts mehr erkannt werden kann. Unter dem Wohnhaus befindet sich ein stattlicher Gewölbekeller (Tonnengewölbe ?). Vor dem Wohnhaus (Westseite) stand eine Scheune, die 1928/29 in Flammen aufging. Das Wohnhaus wurde in Mitleidenschaft gezogen und erhielt aufgrund dessen eine Verkleidung.

 

In dieser Zeit kam es im Flecken zu zahlreichen Bränden, die vermutlich auf Brandstiftung zurückzuführen sind. das Gebäude wurde  nicht wieder aufgebaut. Ein Stall brannte im April 1945 bei den Abwehrkämpfen der Wehrmacht und Waffen-SS ab. Das Gebäude wurde nicht wieder errichtet. Insgesamt lässt sich feststellen, dass eine sehr enge Bebauung des Amtshofgeländes vorlag, die heute nicht mehr erkannt werden kann.

 

Ein kleines Wohnhaus (Gesindehaus?), ein Speicher mit einem Gewölbe (Tonnengewölbe?) liegt direkt am Fuß des Westhanges und grenzt den Bereich ab. Vermutlich stand auf dem Gewölbe einmal ein Gebäude, nur lässt sich das mit der Überlieferung nicht beweisen. Im Gewölbe wurde in den dreißiger Jahren gern Kartoffeln gelagert. Vor dem Wohnhaus (nähe Gesindehaus) lag einst ein Trinkwasserbrunnen, der sehr tief gewesen sein soll.

 

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Gesindehaus ?      /   Speicher mit Gewölbe

 

Ländereien die zum Amtshof gehörten (Die geographische Lage kann nur ungefähr angegeben werden):

 

Osterberg (mit Steinbruch), Wilmeröderberg, hinter dem Breigraben, im Robrexen (hinter der Badeanstalt), im Kuhkamp, Eselbergwiesen, der Wesergarten, Brinkgarten u.s.w. Zu den Gebäude, die zum Amtshof gehörten, lassen sich ein Haus an der Tankstelle (H. Seelmeyer), die ehemalige Amtssparkasse (beseitigt 1965 beim Ausbau der Bundesstraße), eine Scheune im Wesergarten (Fährstraße) sowie eine Scheune auf dem Wilmeröderberg aufführen. Der Amtshof gehörte Franz Seelmeyer, der 1875 verstarb. Das Denkmal des „Oeconomen“ befindet sich heute noch auf dem alten Friedhof am Angerweg. Die Seelmeyers besaßen ein Mausoleum an der St. Urban-Kirche in Brevörde. Das Gebäude wurde in den sechziger Jahren abgebrochen.

 

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Abbildung links: Die Aufschriften auf dem Grabstein lauten:

 

Grabmahl des „Oeconom Franz Seelmeyer“ Geb. 20. Juli  1828 Gest. 13. Nov.1875
Luise Seelmeyer      Geb. D.   6. August 1832
Gest. D.   6. Juli 1901”

 

Der Hof wurde an Georg Meineke vererbt. Vater und Sohn Georg bewirtschafteten bis 1928 den Hof. Danach wurde er verpachtet. 1964 konnte der Hof sowie die Ländereien komplett an Albert Niehaus verkauft werden, der einige Jahre später aufgeben mußte, da er finanziell am Ende war.

 

Die Ländereien wurden an das Gut Sonnenberg verkauft und werden von dort bewirtschaftet. Heute befindet sich die Firma Kreuder GmbH mit Maschinen und Gerätschaften in den Scheunen und benutzt diesen als Bauhof. Das Wohnhaus müsste eigentlich gründlich renoviert werden, da das Dach undicht ist.

 

Der Amtshof

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Südseite des Wohnhauses

 

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Der ehemalige Wirtschaftshof des Amtes im Flecken Polle Die Aufnahme zeigt das angegangene Wohnhaus  (März 1989)

 

Die Wirtschaftsgebäude des Amtshofes

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Scheune  /    Gewölbe

 

WESRERENAISSANCE-MUSEUM SCHLOSS BRAKE

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Adelshof „Amtshaus Polle“
Polle, Heinser Str. 1
Bericht zur Bauforschung
(Auszug)

Im Rahmen eines Baupraktikums: Bearbeiter:

Beate Johlen Holger Reimers
Silke Schrader Helmut Nilolay
Claudia Dornberger
Bernd Müller

Thomas Schwark

Weserrenaissance-Museum Schloss Brake  / Bauforschung /  Oktober 1993

Adelshof:  „Amtshof“ in Polle, Heinserstr. 1

Bauhistorische Bestandaufnahme, August bis Oktober 1993.

Bearbeiter: Claudia Dornberger, Bernd Müller, Helmut Nikolay, Holger Reimers, Thomas Schwark; im Rahmen eines Praktikums zu Aufmass und Bauforschung: Beate Johlen und Silke Schrader.

Der Amtshof in Polle.

Besitzergeschichte:  Quellenfunde.
Baubeschreibung.
Bauphasenanalyse.
Zeichnerische Bestandsaufnahme:
 - Grundrisse als Baualterspläne
 - Kellergeschoss
 - Erdgeschoss
 - Obergeschoss
    Dachgeschoss
 - Ansicht der östlichen Traufwand, Ausschnitt
 - Längsschnitt
 - Querschnitt


Anhang:
Verkleinerung der Umbaupläne von 1923/1924.
Abbildungen in Auswahl.

Quellenfunde zum Gebäude Heinser Str. 1

(sog. Amtshof) in Polle/Weser1

Allgemein zur Geschichte von Burg und Ortschaft Polle2

Zum Amt Polle gehörten im Jahre 1574:
4 Vollmeier, 28 Halbspänner, 118 Großkötter, 182 Kleinkötter sowie 26 Häuslinge. Als Arme wurden 4 Vollmeier, ein Halbspänner und 50 Kleinkötter angesehen.3

Karten,  Pläne,  Skizzen

Es wurden die vorhandenen Pläne und Skizzen eingesehen und z. T. in Fotokopie verfügbar gemacht, soweit sie über den Stand der bisherigen Forschungen hinausgehen.4

Neben allgemeinen Ansichten des Ortes und der Umgebung Polles5 ragt die Handskizze >>Situationsplan der Burg Polle<< heraus.6 Es handelt sich um einen stark am Grundriss orientierten Plan. Er stammt aus dem 17. Jahrhundert, ist jedoch nicht genau datiert. Westlich neben dem umfriedeten Burgkomplex ist darauf ein als >>Aptmans Haus<< bezeichnetes längsrechteckiges Grundstück eingetragen, bei dem eine zentrale, westseitige Erschließung angedeutet ist. Es handelt sich sicher um das Gebäude Heinser Str. 1.

Auf einer weiteren, etwa Gleichalten Zeichnung7 sind Burg, Vorhof und die beiden Mauerringe sehr viel detaillierter und auch stärker perspektivisch dargestellt. Das Amtshaus von 1656 ist noch nicht verzeichnet, und Geschütze deuten auf eine Belagerungssituation hin, so dass die Skizze mutmaßlich während des 30jährigen Krieges entstanden sein dürfte. Auch hier ist das Gebäude  Heinser Str. 1 eingetragen, nunmehr im schematischen Aufriss vom rechts ins Bild hineinragend, traufenständig mit leicht abgewalmten First.

Eine Grundrissskizze aus dem Jahre 19228 zeigt unterhalb der Burgruine den umfangreichen Amtshaus-Komplex. An der Stelle des Gebäudes Heinser Str. 1 befindet sich kein Eintrag, lediglich die Bezeichnung  Gehöft des Ökonomen Sehlmeyer.

1)  Die Sichtung der Akten im Hauptstaatsarchiv am 08. Sept. 1993 ergab die Zuständigkeit des HStA Hann; Ort und Amt Polle gehörten im 19. Jahrhundert zur Provinz Calenberg, später zum Landkreis Hameln.

2)  Carl Greiffhagen: Die Burg Polle a. d. Weser. In: Hannoverland 7, 1913, S. 284 – 289. – Hans Martin Wienke: Polle, Oberweser. Alter Burgflecken der Grafschaft Everstein und Umgebung, Detmold 1986, vgl. Friedrich Wittkopp: Chronik des Flecken Polle, Polle 1977. – W. Schrader: Polle a. d. Weser. In: Braunschweigische Heimat 25, 1934, S. 10 – 13.

3)  Liste des Amtmanns von Polle, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2109.

4)  Eine weitgehende Auswertung nahm bereits vor: Friedrich Wittkopp: Die Burg Polle auf alten Zeichnungen, Karten und Stichen. Von den Grafen von Everstein vor 700 Jahren errichtet. In. Feierabend an der Weser 1976, 24. April; vgl. Gottfried Hetzer: Von der Bildkarte zum Messtischblatt. Polles Landschaftsbild auf amtlichen Karten im Wandel der Zeiten. In: Feierabend an der Weser 42, 1970.

5)  HStA Hann., 12b Polle (k) / pm, Abriss der Südgrenze des Amtes Polle, 1587; 12b Polle 8K9 9 pm, Abriss der irrigen Grenze zwischen dem Amt Polle und Stift Corvey 1587; 12b Polle (k) 10 pg, Abriss der neuen Grenze zwischen Polle und Stift Corvey, 1588; 14b Polle 1 und 2 pm, Ansichten der Burg Polle 1641; 16b Polle pk, Skizze von einem Teil des Ökonomiehofes Ludewig 1861/61; 12b Polle, in: Hann 88A (Polle) Nr. 5848, Teil der Ortsanlage bei der Burg 1844.

6)  HStA Hann., Han 12b Polle 31 pm.

7)  HstA Hann., Cal Br. 2, Nr. 2107.

8) HstA Hann., Han 12b Polle 32 pg, Burgberg und Amtshof Polle a/Weser.

Des Weiteren ist auf die Ausführungen von Mark Rauschkolb (vgl. Anlage) hinzuweisen, der die Ämterkarten von 1706 und die Landesaufnahme von 1783 ausgewertet hat.

Urkunden,  Akten

Urkunden und Akten aus der Zeit vor 1600 konnten nicht eingesehen werden.

Bei dem überlieferten Schriftgut handelt es sich im wesentlichen um die Verwaltungsakten des Amtes Polle. Neben verschiedenen Privilegien9, Erlaubnissen zum Betreiben von Gewerben und Tätigkeiten10 sind die Amtsgeschäfte mit den Zins- und Dienstpflichtigen verzeichnet, in verschiedenen Registern die Höhen der Lasten11 sowie Art und Umfang der Hand- und Spanndienste12 . Hinzu kommen verschiedene allgemeine Rechnungssachen, Berichte13 und Zusammenstellungen der Einkünfte aus den einzelnen Ortschaften des Amtes. So spiegeln die Akten häufige Streitigkeiten zwischen den amtszugehörigen Dorfschaften und der Stadt Bodenwerder um Hudeangelegenheiten wider.14 Mehrfach suchen die Meier und Kötter beim Amtmann um Verringerung ihrer Dienstpflichten und Abgaben15 sowie um Kontributionsbefreiung nach.16 Mehrfach wurde die Bevölkerung wegen erlittener Kriegs- und Brandschäden befreit.17 Insbesondere die Belagerung und Einnahme Polle durch kaiserliche Truppen 1623 (Tilly) und Schweden (1641) scheint für die Bevölkerung verheerende Folgen gezeitigt zu haben.18 Auch gab es für die Einwohner Gründe zur Beschwerde über die Amtsleute.19

Was das 1656 errichtete Amtshaus am Fuß der 1623 und 1641 zerstörten Burg betrifft, so findet sich reiches Quellenmaterial zu Raumstruktur und Nutzung der Gebäude. Aus mehreren Inventaren, die oft beim Wechsel des Amtsinhabers angefertigt wurden, geht die Entwicklung des 1747 weitgehend neu errichteten Hofes hervor.20 Das Gebäude Heinser Straße 1 wird in diesen Akten nicht erwähnt, es scheint von daher nicht zum Komplex der Amtsgebäude gehört zu haben.

9)   Hierunter fallen besonders die Braugerechtigkeiten, Jahrmärkte und verschiedene Auseinandersetzungen über den Amtskrug, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2126, 2143; das landesherrliche Privileg für die Poller Brauer erging 1605, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2105; vgl. Friedrich Wittkopp: Die Poller Brauergilde. In: Der Klüt 35, 1963, S. 59 -62. – Zu einem Antrag auf Gildegerechtigkeit der Schuster im Jahre 1657 HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2144.

10)  HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2122.

11)  Diverse Rechnungen und Auszüge aus den Geldregistern des Amtes Polle der Jahre 1605 – 1606, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2130.

12)  Aus den Jahren 1574, 1610 und 1611 hat sich ein Bericht des Amtmanns Johann Drebber über sämtliche zum Amt Polle gehörigen Dienste erhalten, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2109.

13)  Bericht des Amtmanns Joh. Drebber über die Mühlen im Amt aus dem Jahre 1610, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2118.

14)  HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2103.

15)  So etwa 1615 der Kötter C. Bartrams zu Heinsen, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2104; für die Jahre 1603 und 1604 sind geraume Steuerrückstände besonders in Heinsen aktenkundig, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2113.

16) Im Jahr der Belagerung und Zerstörung der Burg Polle, 1641, war von der kaiserlichen Generalität eine Kriegs-Kontribution gefordert worden, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2107; 1648 erklärten sich die Einwohner des Amtes für gänzlich unvermögend, diese Kontribution aufzubringen, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2108.

17)  So in den Jahren 1650, d. h. nach der Schwedenbelagerung, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2114, und 1667, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2106.

18)  Verzeichnis der Kriegschäden 1623 – 28, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2125; Pastor Heisner erbittet 1624 Entschädigung für erlittene Körper und Sachschäden, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2142. Zusammenfassend dazu Friedrich Wittkopp: Das Amt Polle im 30-jährigen Krieg. In: Heimatland 9, 1958, S. 12 – 19.

19)  So in den Jahren 1614 – 28 über Amtmann Joh. Wrede, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2137.

20)  So etwa HStA Hann.,  Hann 74 Polle, Nr. 308.

Baudatum und Bauherrenfrage

Das exakte Baudatum des Grundstückes Heinser Straße 1 ist aus den Schriftquellen nicht  zu ermitteln. Als Bauherr gilt in der Literatur Jasper de Wrede (1548 – 1615), der den sog. >>Amtshof gegen Ende des 16. Jahrhunderts<<  errichtet habe.21

Heinr. Julius von Braunschweig-Lüneburg hatte Jasper de Wrede einen ehemals dienstpflichtigen Hof als Lehn übergeben.22 Es scheint dies ein äußerst exponiertes Anwesen zu sein, da das Gut in einer Liste zehntfreier Güter im Amt Polle aus dem Jahre 1614 an erster Stelle genannt wir.

Von Interesse dürfte daneben jedoch auch der Amtmann Johannes Drebben sein, der offenbar zwischen 160323 und (mind.) 161024 die Amtsgeschäfte führte.

Im Jahre 1607 erhielt er vom Landesherrn mehrere Stücke Land in der Poller Feldmark, die zuvor zu Meierrecht im Besitz des Untertanen Losack gewesen waren.25 Im Folgejahr bestätigt Heinr. Julius von Braunschweig-Lüneburg seinem Ambtman vff vnserm Hauß Poll vnd lieben getrewen Johan Drebben den Neubau eines Wohnhauses  waßmaßen er uff seinen Vnkost vnd Schaden alda für vnserm Schloß vnd Fleckens weill er sonst keine Herberge für Weib vnd Kind haben kann.26 Ganz offenbar handelte es sich um eine Parzelle vor dem eigentlichen Flecken Polle. Als Bauherr des Amtshofes – auch eines evtl. Vorgängerbaus – kommt er mithin kaum in Frage.

Das Anwesen des (ehemaligen) Amtmanns Drebben dürfte im Jahre 1614 das weitaus umfangreichste gewesen sein, dessen Ländereien sich wet über die hundert Morgen erstrecket haben soll.27

 21)  Friedrich Wittkopp: Flurnamen des Fleckens Polle auf alten Karten, in Urkunden und Akten. In: DWZ vom 1. Nov. 1980

 22)  1614 heißt es dazu, diese Übergabe sei vor Jahren gegen Leistung des Rossdienstes erfolgt, Be richt des Amtmannes Johann Wreden vom 15. März 1614, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2122.

  23)  Er gab bereits 1603 einen Bericht über eine Satzung im Amt ab, HStA Hann, Cal Br. 2, 2130.

 24)  Noch in diesem Jahr erhielt Amtmann Drebben verschiedene Ländereien, darunter einem Im Strang An der Landerey daselben die stieffmohme genandt gelegenen ortt vnd platz, Heinr. Julius: Verschreibung vom 22. Feb. 1610, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2122, vgl. weitere Verschreibungen aus den Jahren 1607 – 1610, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2127.

 25)  Heinr. Julius: Verschreibung vom 22. Feb. 1607; Hans Losack hatte 1574 Selbstmord began gen, sein Land war darauf von Jasper Wreden zum Amtsgut genommen worden, HStA Hann, Cal.  Br. 2, Nr. 2122.

 26)  Heinr. Julius: Verschreibung vom 4. Feb. 1608, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2122, damit verbun den ist die Gewährung der Braugerechtigkeit.

 27)  Schreiben an den Oberamtmann des Landes Göttingen Henr. Wiessel vom 21. März 1614, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr .2122. – Drebben war offenbar ein ehrgeiziger Landwirt, der auch den Konflikt mit den Meiern und Köttern nicht scheute, so klagten 1611 sämtliche Untertanen des  Amtes Polle gegen ihren Amtmann wegen der Mastung im Amt, HStA Hann, Cal Br. 2, Nr. 2117.

19.10.1993 (Schwark)

Der Amtshof in Polle

Unterhalb des westlichen Hanges der Burg Polle befindet sich eine Gebäudegruppe, die allgemein als „Amtshof“ bezeichnet wird und bis vor wenigen Jahren als Wohn- und Wirtschaftshof eines der Burgzugeordneten Gutsbetriebes genutzt wird. Das älteste Gebäude dieser Hofanlage ist das Wohnhaus. das als Adelshof Ausgangspunkt für die vorliegende bauhistorische Untersuchung war. Die Wirtschaftsgebäude stammen in ihrer Bausubstanz vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert.

Der Adelshof selbst ist auf einem Plan des 17. Jahrhunderts als „Amptmans Haus“ bezeichnet.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg 1656 wurde das (1945 zerstörte) Amtshaus errichtet, das auf diesem Plan nicht verzeichnet ist. Bezieht man die Zerstörung der Unterburg durch kaiserliche Truppen unter Tilly in den Jahren 1622/23 und die Zerstörung des Schlosses auf der Oberburg durch schwedische Truppen 1641 ein, so könnte das Wohnhaus des Amtmanns bis zur Errichtung des neuen Amtshauses 1656 auch die Funktion eines Amtshauses übernommen haben.

Der Adelshof, das mit Sollingplatten gedeckte Wohnhaus des „Amtshofes Polle“, wurde 1631 mit im Winter 1630 d (=dendrochronologisch ermittelt) gefällten Eichenhölzern errichtet. Dieser Neubau eines Adelshofes entstand offenbar über einem Tonnengewölbten Keller eines Vorgängerbaues, der im Zusammenhang mit dem Brand der Unterburg 1622/23 zerstört worden sein dürfte. Bei der Zerstörung der Oberburg 1641 gab es auf der der Burg zugewandten Seite geringe Schäden, die 1649 behoben wurden.

 Die bauhistorische Bestandsaufnahme ergab, dass der ursprüngliche Bau von 1630 d in seinen wesentlichen Teilen vollständig im bestehenden Bau erhalten ist. Man errichtete ein zweistöckiges Fachwerkhaus mit mehrfach vorkragendem Giebel. Die Füllhölzer aller Vorkragungen – zwischen den Stockwerken, aber auch dreifach im Giebel – wurden mit Renaissance-Schnitzereien versehen.

Die beiden Hallen im Erd- und Obergeschoss erhielten ganz traditionell beidseitig Kopfbänder zwischen Deckenbalken und Außenwand. Die gleiche Konstruktion war im Fachwerkobergeschoss des Rathauses Höxter von 1610 – 1614 ausgeführt worden. Im Erdgeschoss wurden eine Küche und eine Stube von der großen Halle abgeteilt, im Obergeschoss ein Saal mit reicher Durchfensterung im vorderen Drittel des Adelshofes eingerichtet.

Diese originelle Bausubstanz wurde bei späteren Umbauten lediglich durch weitere Innenwände ergänzt und in Teilbereichen repariert, so dass bei zukünftigen behutsamen Freilegungsarbeiten durchaus Befunde zur ursprünglichen farblich-künstlerischen Gestaltung des Adelshofes zu erwarten sind. Da die Deckenkonstruktion derjenigen der Poller Kirche von 1592 gleicht, muss auch damit gerechnet werden, dass – wie die Kirche – Pressstuck der Bauzeit unter Überputzungen und Übermalungen erhalten ist.

Jüngere Ergänzungen und Reparaturen lassen sich in ihrer Reihenfolge im Baugefüge klar erkennen, so dass diesem Bau die Bau- und Nutzungsgeschichte eines Adelshofes deutlich abgelesen werden kann. Sogar die letzte einheitliche künstlerische Umgestaltung des Adelshofes von 1923/24 hat die historische Bausubstanz weitgehend geschont.

 
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